Projekt Wahren oder entwickeln? - FH Graubünden

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Projekt
Wahren oder entwickeln?
Projekt auf einen Blick

Projekt auf einen Blick

Bauboom auf der einen, Heimatschutz auf der anderen Seite – und beide Begriffe in der Bevölkerung negativ behaftet! Kaum ein Thema wie unsere «Gebaute Umwelt» bietet so viel Zündstoff und führt regelmässig zu jahrelangen Streit- und Gerichtsfällen. «Interessensabwägung» lautet das Zauberwort, doch eine ortsbauliche Methodik hierfür fehlte bislang.

Ausglangslage

Ausglangslage

In Städten, Agglomerationen und Gemeinden ist das historische Erbe eine emotional wichtige Ressource. Das Ortsbild ist Abbild der regional und lokal spezifischen Lebens- und Arbeitsweisen und ist stark mit der Identität der Bevölkerung verbunden. Erinnerungen, Geschichten und Erlebnisse sind lokal verankert, nicht selten mit Orten, Baugruppen oder Einzelgebäuden verknüpft. Diese gebaute Geschichte zeichnet sich durch einen hohen Wiedererkennungswert aus. „Die Verknappung der Siedlungsfläche sowie die Zunahme der Bevölkerung, die zunehmende Mobilität und die erwünschte Förderung alternativer Energien sind für die Wahrung der Qualität der Schweizer Siedlungslandschaft eine Herausforderung, die spezieller Aufmerksamkeit bedarf“, so formuliert es das Postulat von Nationalrat Kurt Fluri schon 2016 an den Bundesrat.

Bildlegende: Artherstrasse in der Stadt Zug

Die bereits über längere Zeit konstant tiefen Hypothekarzinsen heizen die Bautätigkeit an. Die Veränderung von einzelnen Bauten führt über längere Zeit zu grossflächigen Eingriffen in das Lebensumfeld. Das Potential für eine weitere Nutzungsintensivierung der bestehenden Bauzonen gefährdet den Erhalt des baukulturellen Erbes über die denkmalgeschützten Einzelbauten hinaus. Betrachten wir dieses gewachsene Ortsbild als Ressource, so entsteht ein Paradigmenwechsel im Umgang mit diesem sozialkulturellen Kapital. „Es besteht ein eminentes öffentliches Interesse am Schutz unserer Ortsbilder und deren sorgfältiger und umsichtiger, baukulturell orientierter Weiterentwicklung.“, insistiert Fluri.  „Sowohl auf Bundes- wie auf Kantonsebene droht im Rahmen der aktuellen planerischen Herausforderungen der Wert der Ortsbilder vernachlässigt zu werden“. Werden Ortsbilder verändert, so verändern sich auch die Identifikationsmöglichkeiten für die Bevölkerung. Die negativen Auswirkungen der Globalisierung sind heute schon spürbar. Durch den liberalen Umgang mit der Gestaltung des Ortsbildes entstanden vielerorts flächendeckende gesichtslose Quartiere - Agglomerationen. Der Verlust von Heimat und in der Folge eine Entwurzelung der Bewohner führt erwiesenermassen hin zum Verlust sozialer Strukturen und zur Beeinträchtigung der Lebensqualität in diesen Lebensräumen. In der Folge zeichnen sich insbesondere in strukturschwächeren Räumen Abwanderungstendenzen ab. Diese Thematik wird bislang nur in einer engen Expertengesellschaft thematisiert. „Der Förderung der baukulturellen Qualität muss deshalb höhere Bedeutung beigemessen werden, sowohl in den Städten als auch in dörflichen oder ursprünglich dörflichen Siedlungen“, so reagiert der Bund im Bericht des Bundesrates vom Januar 2018 auf diese Entwicklung. Er begründet den Schutz und die Pflege des Ortsbildes mit den Zielen der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung (Ziel 11.4 Die Anstrengungen zum Schutz und zur Wahrung des Natur- und Kulturerbes der Welt sichern) und dem Bericht des „Cultural Heritage Counts of Europe“ (CHCFE Consortium 2015).

Bildlegende: Die Innenentwicklung und die Beachtung des ISOS sind wichtige Elemente, die in Kombination mit anderen Aspekten die ortsbauliche Gestaltung von Dörfern und Städten beeinflussen.

Die Bedeutung des ISOS in einer Zeit des schnellen Städtewachstums nach Innen 

Die rasante Entwicklung der Dörfer und Städte soll zukünftig nach innen gelenkt werden, so sieht es das Hauptziel der Teilrevision des Raumplanungsgesetzes vom 1. Mai 2014 vor. Die inneren Reserven sollen konsequent mobilisiert werden und zusätzlich wird das Schaffen von weiterem Verdichtungspotenzial in den bestehenden Bauzonen gefordert. Demgegenüber steht das Ziel des Inventars schützenswerter Ortsbilder der Schweiz (ISOS). Es beinhaltet Ortsbilder von nationaler Bedeutung und soll dazu dienen, die Entwicklung eines Ortes zu verstehen und seine Identität zu wahren. Mit dem „Bundesgerichtsentscheid Rüti“ wurde die Bedeutung dieses Inventars bekräftigt und verdeutlicht, dass auch bei der Erfüllung von kommunalen Aufgaben eine indirekte Pflicht zur Berücksichtigung dieser Bundes­inventare besteht. Diese beiden Forderungen führen zu einem Zielkonflikt, was mehrere Bundesgerichtsentscheide der vergangenen Jahre bestätigen. Das ISOS ist jedoch keine Käseglocke, die über ein Gebiet gestülpt wird und jegliche Veränderung ausschliesst. Den Gemeinden steht ein Ermessen bei der Integration in die Nutzungsplanung zu, wobei die kantonale Denkmalpflege frühzeitig in das Ver­fahren einzubeziehen ist. So erachtet das Verwaltungsgericht St. Gallen die Innenentwicklung im Dorfkern in Mels – wie sie die FH Graubünden vorschlägt - grundsätzlich für möglich, wenn gleichzeitig wichtige Freiflächen und Ensembles in der heute vorhandenen Siedlungsstruktur gewahrt werden. Bei zukünftigen Nutzungsplanänderungen und der Entwicklung von Gestaltungsplänen sind folglich sorgfältige Interessenabwägungen vorzunehmen.

Bildlegende: Entwicklungskonzept Dorfkern Ost in Mels – die innerdörfliche Freifläche wird durch eine umrahmende Bebauung für Bewohner und die Öffentlichkeit aktiviert.

Bildlegende: Die bestehende Freifläche im Dorfkern von Mels liegt aktuell brach.

Städte, Gemeinden und Dörfer sind gefordert. Raumplanerisch grossflächig definierte Entwicklungsstrategien - bis hin zu strukturverändernden Hochhausgebieten - müssen im Detail genauer betrachtet werden. Nicht selten befinden sich ortsbildprägende Bauten oder Baugruppen, teilweise gar zusammenhängende Freiflächen in diesen schnell wachsenden Gebieten mit immenser Ausnutzungsmöglichkeit. Wie stark sich diese im ISOS bezeichneten wichtigen Zeitzeugen in Zukunft verändern werden, ist teilweise ein stark wirtschaftlich geprägter Entscheid. Entsprechend wichtig ist eine fundierte ortsbauliche Einschätzung.

Bildlegende: Der Bundesgerichtsentscheid „Rüti“ und das neue Raumplanungsgesetz verändern den Entwicklungsprozess von Ortsplanungen entscheidend.

Bildlegende: Die kulturelle Bedeutung von historischen Zeitzeugen, einzelnen Baugruppen und Freiräumen und der Veränderungsdruck aufgrund von aktuellen Entwicklungstendenzen werden gegeneinander abgewogen.

Umsetzung

Umsetzung

Ein methodischer Ansatz zur ortsbaulichen Abwägung zwischen Schutz und Ersatz 

Die FH Graubünden hat zusammen mit den Abteilungen Städtebau und Stadtplanung der Stadt Zug eine Methode erarbeitet, die unter Berücksichtigung unterschiedlicher raumplanerischer und gestalterischer Faktoren eine ortsbauliche Abwägung graphisch und tabellarisch dokumentiert und damit einfacher nachvollziehbar macht. Davon können lokalspezifische Empfehlungen zur Weiterbearbeitung abgeleitet und Massnahmen zur anstehenden Gesamtrevision der Nutzungsplanung formuliert werden. Diese Methode dient als Grundlage für raumplanerische Entscheide und kann im Streitfall als Basisdokument für einen Gerichtsentscheid richtungsweisende Wirkung haben.

Mit Hilfe des methodischen Vorgehens – einer Ortsbild-Wert-Analyse - wird für den untersuchten ISOS-Bereich die Bedeutung für das Verständnis des Ortes und das Konflikt­potenzial zwischen ISOS und den Bedürfnissen der Stadtentwicklung dargestellt. Dabei wird eine Betrachtung unterschiedlicher ortsbild­relevanter Faktoren vorgenommen.

Unter Beachtung der folgenden Fragestellungen wird eine nachhaltig vertretbare Empfehlung ausgearbeitet:

 

Bildlegende: Grundsatzfragen zur Entscheidungsfindung in der Abwägung ortsbaulicher Veränderungen von wichtigen Zeitzeugen und Werten der Stadtentwicklung.

Entwickelt wurde ein 3 stufiges Vorgehen:

1. Bestandsaufnahme der sensiblen ISOS- Bereiche

In der Bestandsaufnahme werden alle ISOS Bereiche mit intensiven Erhaltungszielen besichtigt:

Gross „A“        - Erhalten der Substanz der Bauten, Anlageteile und Freiräume

klein „a“           - Erhalt der Beschaffenheit als Kulturland oder Freifläche

Indem diese Gebiete im Stadtplan verortet werden, wird eine kontextuelle Betrachtungsweise ermöglicht. Auf dieser Grundlage finden Ortsbegehungen mit unterschiedlichen Interessensvertretern statt. Zusatzinformationen über die Vorstellungen der Eigentümer und die Forderungen aus der Politik und der Wirtschaft tragen zu einem umfangreichen Gesamtbild bei. 

 

Bildlegende: Im Stadtplan (dargestellt für die Stadt Zug) werden die ISOS „A“ und „a“-Bereiche farbig markiert.

2. Überprüfung des Bestandes mit der bestehenden Bauordnung

Sind die Untersuchungsbereiche ermittelt, wird unter Berücksichtigung der im ISOS beschriebenen Qualitäten der notwendige Handlungsbedarf analysiert. Viele der im ISOS eingetragenen Bauten, Baugruppen und Umgebungen haben sich in der Zwischenzeit bereits verändert. Es bestehen heute Bereiche, in denen die ursprünglich genannten Qualitäten aufgrund der anfänglich unkontrollierten Bebauung nicht mehr existieren. In anderen Bereichen wurden (per Volksentscheid) legitimierte Bebauungspläne erarbeitet und eine entsprechende Bebauung realisiert. In anderen Bereichen wurde durch die Zuweisung besonderer Zonenbestimmungen, wie beispielsweise einer Ortsbildschutzzone sowie durch die Unterschutzstellungen von Einzelbauten der Erhalt der historischen Qualität sichergestellt.

3. Abwägung und Handlungsempfehlungen

In dieser Phase erfolgt die ortsbauliche Interessensabwägung. Aufgrund unterschiedlicher ortsbildprägender Kriterien wird ermittelt, ob im Betrachtungsperimeter eine Weiterentwicklung sinnvoll ist oder der Erhalt der historischen Qualitäten im Vordergrund stehen sollte.

Diese systematische Betrachtungsweise zeigt einen folgelogischen Entscheidungsprozess auf. Nach der Einschätzung der ortsbaulichen Relevanz vorhandener Veränderungen im ISOS-Bereich wird eine provisorische Neueinschätzung des Ensembles vorgenommen. Auf dieser Basis werden die Höhe des Konfliktpotentials und die Sensibilität gegenüber baulichen Eingriffen ermittelt. Die Auflistung der ortsbaulichen Qualitäten und der vorhandenen räumlichen und gestalterischen Defizite ermöglicht eine anschliessende Darstellung der städtebaulichen Bedeutung und eine ortsbauliche Abwägung in Bezug auf die Weiterentwicklung bzw. Nutzungsintensivierung.

Bildlegende: Ortsbild-Wert-Analyse Teil 1 - Ermittlung des Konfliktpotentials

Übertragbarkeit der Methode auf andere Städte und Dörfer

Die kulturelle und natürliche Vielfalt der Schweiz prägt das Siedlungsbild. Aus regional unterschiedlichen Baumaterialien entwickelten sich differenzierte Baukonstruktionen, die das Ortsbild beeinflussen. Die ökonomischen und gesellschaftlichen Realitäten sind Ursprung für unterschiedliche Entwicklungen. So entstanden aus kleinen Weilern Dörfer, Agglomerationen und Städte mit unterschiedlichen Funktionen und Gesellschaften.

Der erarbeitete Abwägungsmechanismus ermöglicht eine objektive, auf ortsbaulichen Kriterien basierende Betrachtungsweise. Mit dieser Methode kann sowohl eine Gesamtbetrachtung einer Gemeinde oder einer Stadt erarbeitet werden als auch eine Abwägung für einzelne ISOS-Gebiete erfolgen.

 

Weiterführende Informationen

Weiterführende Informationen

Team

Bühler Krebs Sandra
dipl. Ing. Architektur und Stadtplanung
Dolfi Regula
dipl. Architektin FH
Wagner Christian
Prof., Dipl. Arch. ETH/SIA

Neben Mitarbeitenden der FH Graubünden waren folgende Personen am Projekt beteiligt:

  • Dr. Ing. Anne Pfeil (Städtebau Stadt Zug)
  • Kerstin Veit-Saleschke (Stadtplanung Stadt Zug)