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Smart Valleys in Graubünden
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Smart Valleys in Graubünden

Konzepte wie Nachhaltige Entwicklung oder Smart Cities sind heutzutage in aller Munde. Wie jedoch können diese für Graubünden nutzbar gemacht werden? Eine Idee ist der Zusammenschluss einer Region oder Talschaft zu einem «Smart Valley». Ziel dieser Idee ist es, gemeinsam Lösungen für aktuelle Herausforderungen im alpinen Raum zu finden und sich mithilfe neuer digitaler Technologien attraktiv und zukunftsgerichtet zu positionieren.

Text: Marc Herter, Peter Tromm / Bild: Coop / Empa


Als globales Leitbild für Umwelt, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik hat die Nachhaltige Entwicklung über die letzten Jahrzehnte enorm an Bedeutung gewonnen. Eine solche Entwicklung, die bei der Erfüllung der Bedürfnisse und Wünsche der Gegenwart auch auf zukünftige Generationen Rücksicht nimmt, gilt als grösste Herausforderung unserer Zeit. Die Schweiz erklärte die Nachhaltige Entwicklung im Jahr 1999 zum Staatsziel. Demnach sollen auch Kantone und Gemeinden Schritte unternehmen, um das sozial verantwortungsvolle, umweltverträgliche und wirtschaftlich tragbare Handeln zu fördern.


Von «Smart City» zu «Smart Valley»

Eines der Konzepte für nachhaltige Städte nennt sich «Smart City». Unter diesem Begriff versteht man ein gesamtheitliches Konzept für eine stärkere Nachhaltigkeit. Solche Städte streben eine sozial verträglichere, inklusivere und ressourceneffizientere Entwicklung an. Um eine solche zu erreichen, setzen sie auf neue technische Fortschritte bei den digitalen Technologien. Dabei spielen Themen wie Umweltverschmutzung, demografischer Wandel, Bevölkerungswachstum und Ressourcenknappheit eine Rolle, andererseits aber auch nichttechnische Innovationen wie beispielsweise Konzepte des Teilens ("Sharing Economy"). Eine "Smart City" entfaltet ihr Potenzial durch die vernetzte Zusammenarbeit zwischen Bürgerinnen und Bürgern, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.

Verglichen mit grossen Städten ist Graubünden dünn besiedelt und besteht aus vielen Talschaften. Dennoch lassen sich gesamtheitliche Konzepte für Städte auch auf die einzelnen Regionen im Kanton übertragen. Zudem sind in den letzten Jahren durch Gemeindefusionen und durch die Bildung von Destinationen zusammenhängende Gebiete und Talschaften entstanden, welche nun in weiteren Schritten noch enger miteinander verknüpft werden können: durch die Bildung von «Smart Valleys» beziehungsweise «Smart Energy Valleys».


«Smart Valleys» für Graubünden

Ein Zusammenschluss zu einem «Smart Valley» soll einer Talschaft dabei helfen, gemeinsam Lösungen für aktuelle Herausforderungen in Berggebieten zu erarbeiten. Dazu gehören etwa die zunehmende Abwanderung aus gewissen Gebieten, ein bedrängter Wintertourismus aufgrund der klimatischen Veränderungen oder der verstärkte Preiskampf zwischen den Destinationen. Diesbezüglich sind neue Ideen und regionale Perspektiven gefragt. Einen ersten Schritt in diese Richtung gingen beispielsweise die Gemeinden Disentis, Sedrun und Andermatt mit ihrem kürzlich vollzogenen Zusammenschluss zur «Region Oberalp».

In einer ersten Phase geht es nun darum, für eine derartige Region möglichst viele Aspekte und Bedürfnisse anzudenken und aufzuzeigen. Dies kann zum Beispiel ganz konkret für zwei wichtige Wirtschaftszweige des Alpenraums – Energie und Tourismus – erfolgen. Hierzu gehören dann einerseits Themen wie nachhaltige Stromproduktion, effizienter Stromtransport oder Steigerung der Energieeffizienz respektive Senkung des Stromverbrauchs. Andererseits geht es aber auch um Themen wie Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen, Vernetzung von Ski- und Wandergebieten und Einbezug von Firmen, Gastbetrieben, Gemeinden und Bevölkerung in die Gestaltungsprozesse. In einer zweiten Phase stehen dann die regionalwirtschaftlichen Auswirkungen im Zentrum. Dabei werden die obigen Aspekte unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten wie Machbarkeit und Umsetzbarkeit miteinander verknüpft und es wird ein möglicher Zeitrahmen für die Umsetzung festgelegt.

Anwendungsmöglichkeiten im Energie- und Tourismusbereich

Eine erste Verknüpfungsmöglichkeit lässt sich im Bereich Energie, Verkehr und Tourismus aufzeigen. Mit Wasserkraft und Photovoltaikanlagen existieren bereits regionale, erneuerbare Energiequellen. Dieser Strom steht jedoch nicht als Bandstrom ständig zur Verfügung, sondern nur zu bestimmten Zeiten. Um ihn in der Region zu nutzen, muss er vor Ort gespeichert werden können. Hierfür bietet sich die Wasserstoff-Technologie an.

Dabei wird Strom in Wasser eingeleitet, das sich dann in seine beiden Elemente Wasserstoff und Sauerstoff spaltet. Der Wasserstoff wird aufgefangen und in Druckflaschen gespeichert, der Sauerstoff an die Luft abgegeben. Auf diese Weise lässt sich Energie in Form von Wasserstoff «lagern» und für spätere Verwendungszwecke aufbewahren. Über eine sogenannte Brennstoffzelle läuft der umgekehrte Prozess: Wasserstoff wird in der Brennstoffzelle mit Luftsauerstoff angereichert und verbrannt; dabei entsteht Strom und als einziges Nebenprodukt Wasser. Einerseits ist so der regionale Kreislauf geschlossen, andererseits werden keine schädlichen Abgase gebildet.

Wasserstoff kann als Energieträger für verschiedenste Anwendungen genutzt werden. In einer Talschaft könnten damit etwa private und kommunale Fahrzeuge, Lastwagen und Busse betrieben werden. Wasserstoff kann auch Heizenergie für Häuser liefern, als Stromlieferant für die öffentliche Beleuchtung genutzt oder als Energielieferant für E-Ladesäulen für Elektroautos eingesetzt werden. Für den Verkehr könnten einige wenige Wasserstoff-Tankstellen eingerichtet werden, die ganz ähnlich funktionieren wie heutige Erdgas-Tankstellen, und die konventionellen Tankstellen könnten um eine zusätzliche Wasserstoffsäule erweitert werden. Weltweit gibt es alle diese Anwendungen bereits. So sind etwa in Bremerhaven Züge und in Hamburg und Amsterdam Ausflugsschiffe und auch erste Kleinflugzeuge mit dieser Technik unterwegs.

Destinationsmarketing «Smart Valley»

Durch eine Positionierung als «Smart Valley» kann eine Region viel dazugewinnen: Die Wasserstoffwirtschaft schafft neue Arbeitsplätze in den Bereichen Produktion, Speicherung, Lagerung und Verkauf. Zudem lässt sich dies auch touristisch «vermarkten»: Die Region kann als klimaneutrale Destination auftreten, da sämtliche Energie für die touristische Infrastruktur (Bergbahnen, Beschneiungsanlagen, Pistenpräparierung, Lokalbusse usw.) rein lokal aus erneuerbaren Energiequellen erzeugt wird. Somit ist ein "Smart Valley" fast schon autark.

Beitrag von

Marc Herter
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Zentrum für wirtschaftspolitische Forschung

Prof. Dr. Peter Tromm
Dozent und Projektleiter, Zentrum für wirtschaftspolitische Forschung