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Promovieren an der Fachhochschule: Forschen und dennoch nah an der Praxis bleiben
Promovieren an der Fachhochschule: Forschen und dennoch nah an der Praxis bleiben

Promovieren an der Fachhochschule: Forschen und dennoch nah an der Praxis bleiben

Ann-Katrin Kienle und Gizem Yilmaz promovieren an der FH Graubünden und arbeiten in Forschungsprojekten der Hochschule mit. Sie sprachen mit Marc Herter über ihre persönlichen Hochs und Tiefs, administrative Hürden sowie die besondere Stellung der Fachhochschulen in Bezug auf das Promotionsrecht.

Text: Ann-Katrin Kienle, Gizem Yilmaz, Marc Herter / Bilder: FH Graubünden

Interview per Videokonferenz: Die Coronakrise zwang den Autoren und seine beiden Interviewpartnerinnen vor den Bildschirm.

Ann-Katrin und Gizem, ihr verfolgt beide eine Promotion in euren Fachrichtungen und studiert bzw. forscht hierfür an der FH Graubünden. Gegenwärtig haben Schweizer Fachhochschulen aber kein Promotionsrecht. Wie sieht eure Situation da aus?

Ann-Katrin: Seit der Bologna-Reform sind wir bei der Bildung hochschulweit gleichgestellt. Das Promotions- und Habilitationsrecht obliegt jedoch in der Regel weiterhin den Universitäten. Um an einer Fachhochschule promovieren zu können, muss man folglich eine Kooperation mit einer Universität eingehen. In der Stellenbeschreibung, die ausschlaggebend für meine Bewerbung war, hat die FH Graubünden sogar schon angemerkt, dass sie dies unterstützen würde.

Gizem: Auch mir wurde bereits im Vorfeld kommuniziert, dass ich in diesem Prozess unterstützt würde. Doch da ist viel Bewegung drin. Neuerdings können zum Beispiel auch FH-Professorinnen und -Professoren an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich als Co-Betreuerinnen und -Betreuer tätig sein. Das wird Kooperationsvorhaben weiter vereinfachen.

Gizem, du stehst noch ganz am Anfang deines Weges in Richtung Promotion und hast trotz dieser Hürde die Fachhochschule der Universität vorgezogen. Weshalb hast du dich für diesen Weg entschieden?

Gizem: Ich musste mich damals zwischen einem Job in der freien Wirtschaft und einer akademischen Laufbahn entscheiden – ich habe mich für die FH Graubünden entschieden. Am Institut für Multimedia Production habe ich die Möglichkeit, mein Kommunikations- und Marketingwissen mit multimedialen Fähigkeiten zu kombinieren. Ich kann mich fachlich vertiefen und mich mit meiner Doktorarbeit spezialisieren. Die FH bietet mir Themen aus der beruflichen Praxis an, die gesellschaftlich hoch relevant sind. Zudem hat die anwendungsbezogene Forschung hier einen höheren Stellenwert. Die Promotion war für mich immer eine Option für die Zukunft – allerdings eher für die ferne Zukunft. Als ich die Ausschreibung an der FH Graubünden sah, konnte ich jedoch nicht widerstehen, weil für mich alles so gut gepasst hat. Neben der alltäglichen Arbeit eine Promotion zu machen und dabei intern unterstützt zu werden, sehe ich als hervorragende Chance, mich fachlich und persönlich weiterzuentwickeln.

Ann-Katrin, wie hast du dir deine Hochschule für die Promotion ausgesucht?

Ann-Katrin: Für mich war das nie eine Frage, ob Fachhochschule oder Universität. Ich wollte im Bereich Wirtschaftswissenschaften und am liebsten in der Verhaltensforschung promovieren. Die FH Graubünden hatte eine Stelle ausgeschrieben, die genau dem entsprach. Mir haben sowohl das Thema und die wirtschaftspolitischen Fragestellungen als auch die Methodik sofort gefallen. Ausserdem konnten wir für mein Projekt die Universität St. Gallen gewinnen, an der ich nun Doktoratsstudentin bin.

Ihr arbeitet in zwei sehr unterschiedlichen Fachgebieten und wohl auch mit unterschiedlichen Methoden. Wie muss ich mir euren Alltag an der FHGR vorstellen? Ann-Katrin, machst du jeden Tag Experimente?

Ann-Katrin: Gerne würde ich mehr Experimente machen. Diese sind allerdings nur ein kleiner Teil meiner Arbeit. Die Experimente dienen dazu, meine Fragestellungen und Thesen unter kontrollierten Bedingungen zu analysieren. Nach einer Literaturrecherche überlege ich, wie man ein bestimmtes Verhalten hervorrufen und testen kann, erstelle Fragebögen oder programmiere Experimente, die dann online ausgefüllt oder im Labor durchgeführt werden. Im Anschluss werden die daraus resultierenden Daten statistisch ausgewertet. Das Ganze wird in einem wissenschaftlichen Artikel zusammengefasst und hoffentlich publiziert. Abwechslung bringen Konferenzen oder Summer Schools, die ich besuche. Solche sind auch sehr hilfreich, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. Ich war schon in Hamburg oder Kopenhagen, und virtuell in Moskau.

Gizem: Auch mein Arbeitsalltag ist sehr vielseitig. Mit jedem Projekt vertiefe ich mich in ein neues Thema. Mal unterstütze ich die Studienleitung in Sachen Lehre, mal führe ich Interviews für ein Forschungsprojekt durch oder nehme an Konferenzen teil. Oder ich stehe als Hauptdarstellerin vor der Kamera, sitze für eine Tonaufnahme im Studio oder organisiere eine Projektwoche. Das Schöne an meiner Arbeit ist, dass man die Möglichkeit hat, mit sehr interessanten Partnern zusammenzuarbeiten, und somit sein eigenes Netzwerk erweitern kann. Auf diese Weise lernt man nicht nur extern, sondern auch intern viele neue Leute kennen. Auch mit den Studierenden sind wir in verschiedenen Projekten in engem Kontakt.

Ann-Katrin: Netzwerke sind unglaublich wichtig – sowohl als Jungforscherin als auch als Doktorandin. Gerade weil wir für die Universitäten als externe Doktoratsstudierende zählen, kann man schnell den Anschluss zu den Universitätskolleginnen und -kollegen verlieren. Der Austausch mit diesen ist aber enorm wichtig. Die externen Beziehungen helfen uns, nah bei der Praxis zu bleiben und auch wirtschaftlich relevante Fragestellungen zu bearbeiten.

Gizem, du hast zu Beginn erwähnt, dass du dich für eine akademische Laufbahn entschieden hast, statt einer Tätigkeit in der freien Wirtschaft nachzugehen. Hattest du bei dieser Entscheidung auch Bedenken?

Gizem: Ja, die hatte ich. Die Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschung hat nicht direkt mit meinem Beruf im Bereich Unternehmenskommunikation oder Digital Marketing zu tun. Deswegen hatte ich Angst, dass ich später nicht mehr à jour bin oder als Forscherin mit geringer Praxiserfahrung betrachtet werde. Da ich mich am Institut für Multimedia Production jedoch mit angewandten Zukunftstechnologien beschäftige und bei Projekten, die meine Interessensbereiche betreffen, immer miteinbezogen werde, kann mir die Tätigkeit in der Forschung sogar neue Türen öffnen. Ausserdem unterstützt mich die FH Graubünden bei meiner Weiterbildung als Digital Marketing Specialist.

Wie erging es dir, Ann-Katrin? Du bist bereits mitten in deinem Promotionsprojekt und hast auf dem Weg dorthin sicherlich auch einige Hürden überwinden müssen.

Ann-Katrin: Zunächst hatte ich auch meine Bedenken. Zwischen Master und Doktorat arbeitete ich einige Jahre ausserhalb der Uni. Dort lernte ich Leute mit Doktortitel kennen, die mir zeigten, dass sich Forschung und Praxis nicht widersprechen müssen. Durch das Doktoratsstudium befasst man sich noch stärker mit einem Thema und wird in diesem Bereich ein Experte. Das lohnt sich sowohl für Universitäten und Hochschulen als auch für die Wirtschaft. Und auch für einem selbst kann das ein grosser Vorteil sein. Für mich als externe Doktorandin fallen der Arbeitsplatz und das Doktoratsstudium allerdings nicht zusammen: Man untersteht zwei Hochschulen mit teilweise unterschiedlichen Ausrichtungen, Vorgaben und Rollen.

Das klingt nach ganz vielen organisatorischen Hürden. Wie bringt man dies unter einen Hut?

Ann-Kathrin: Ein gutes Selbst- und Zeitmanagement sind das A und O. Es ist wichtig, in Bezug auf Deadlines, Meetings/Kurse und Planungen klar zu kommunizieren. Auch deshalb halten es einige meiner Mitdoktorierenden für ziemlich ambitioniert, ein Doktorat in nur drei Jahren zu absolvieren, wie es mit meiner gegenwärtigen Anstellung angestrebt wird.

Gizem: Organisiert und strukturiert zu arbeiten ist sehr wichtig, damit man den Überblick nicht verliert, insbesondere im Hinblick auf die Promotion. Als Uni-Absolventinnen gelten für Ann-Katrin und mich andere Bedingungen. Aber ich sehe auch für uns viele Vorteile, mit Unterstützung der Fachhochschule zu promovieren. Man wird intern von Arbeitskolleginnen und -kollegen mit jahrelanger Erfahrung unterstützt, nicht nur fachlich, sondern auch mit Tipps zum ganzen Prozess. Trotz Unterstützung braucht es allerdings sehr viel Eigeninitiative. Es ist schliesslich meine Doktorarbeit, mein Thema – man muss sich entsprechend einlesen und einarbeiten.

Nun leben wir zurzeit auch in einer speziellen globalen Situation und führen dieses Gespräch online. Stichwort «Coronakrise»: Inwiefern seid ihr und euer Projekt davon betroffen?

Ann-Katrin: Mit der heutigen Technik sind Absprachen mit den Betreuenden oder den Co-Autorinnen und -Autoren digital kein Problem. Einige Experimente lassen sich coronabedingt allerdings nicht so einfach realisieren. Das legt dann schon Projekte und Ideen zeitweise auf Eis. Leider ist noch kein unmittelbares Ende dieser Krise absehbar und das wirft auch den gesamten Plan durcheinander.

Gizem: Die Coronakrise hat vieles auf den Kopf gestellt. Plötzlich musste man seinen Arbeitsrhythmus ändern, sich gegenseitig unterstützen und viel mehr leisten als geplant. Mit dem Wechsel auf digital fehlen momentan ausserdem auch das Zwischenmenschliche, der Austausch, die kurzen Absprachen in den Kaffeepausen, die Unterhaltungen. Das alles versuchen wir, so gut es geht, digital aufrechtzuerhalten, kommt dabei aber nicht an den Austausch vor Ort heran.

Ihr befindet euch in sehr unterschiedlichen Stadien eures Vorhabens. Ann-Katrin, was für Tipps hast du nach diesen zwei Jahren als Doktorandin, die du Gizem und unserer Leserschaft mitgeben kannst?

Ann-Katrin: Brenne für dein Thema! Man sitzt mehrere Jahre an derselben Fragestellung, da ist es wichtig, dass man seine Arbeit und die Thematik spannend findet. Gutes Zeitmanagement und Netzwerke sind gerade für externe Promovierende sehr hilfreich. Und zu guter Letzt: Traue dich, wenn du das wirklich möchtest. Die Option eines Doktorats an einer Fachhochschule empfehle ich allen, die forschen und gleichzeitig nah an der Praxis bleiben wollen. So muss man sich auch noch nicht zwischen einer Laufbahn in der Wissenschaft oder Wirtschaft entscheiden – im Gegenteil, man ist nahe an beiden Bereichen.

«Promovieren an einer Fachhochschule»

Gegenwärtig geniessen die Fachhochschulen in der Schweiz kein Promotionsrecht. Dieses ist den Universitäten vorbehalten, die neben Bachelor- und Masterangeboten auch Promotionsprojekte ausschreiben und unterstützen. Eine Promotion an einer Schweizer Fachhochschule ist heute somit erst über eine Kooperation mit einer Universität in der Schweiz oder im Ausland möglich, welche dann die Arbeit abnehmen und den Titel verleihen darf. Ob und wann auch Fachhochschulen in der Schweiz Angebote auf der dritten Ausbildungsstufe (Doktorat) anbieten dürfen, ist aktuell Gegenstand politischer Diskussionen.

Gizem Yilmaz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Multimedia Production (IMP) an der FHGR. Sie befindet sich in der Planungsphase ihrer Doktorarbeit, in der sie sich mit dem Thema Polizeikommunikation auseinandersetzen wird. Im Institut befasst sie sich mit den Forschungsfeldern multimediale Systeme zur Inhaltsvisualisierung und innovative Storytellingformate.

Ann-Katrin Kienle ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für wirtschaftspolitische Forschung (ZWF) an der FHGR und gleichzeitig Doktoratsstudentin an der Universität St. Gallen. Sie promoviert zum Thema «Redistribution under Constraints». Ihr Thema ist an das Projekt Gerechtigkeit, Anreize und heterogene Bedarfe der FHGR geknüpft.

Beitrag von

Marc Herter , Wissenschaftlicher Mitarbeiter

Zentrum für wirtschaftspolitische Forschung (ZWF)