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"Wissen heisst noch nicht verstehen"
«Wissen heisst noch nicht verstehen»

«Wissen heisst noch nicht verstehen»

Emanuela Ferrari setzt auf Interdisziplinarität. Vor ihrem Bachelorabschluss in Architektur an der HTW Chur hatte sie bereits Bauingenieurwissenschaften studiert. Heute unterrichtet die dreifache Mutter an der FH Graubünden typisch männliche Module wie Massivbau und ist froh um beide Sichtweisen.

Text: Thomas Kaiser / Bilder: Bearth und Deplazes

Vielleicht beginnt diese Geschichte dort, wo Strommasten wie traurige, mehrarmige Riesen in der kargen Berglandschaft stehen – am Berninapass. Hier wirft im Winter der Wind Schnee in Vertiefungen oder türmt ihn bis zu sechs Meter hoch auf. Hier kracht im Frühjahr das Eis auf dem Lago Bianco, aber nicht wegen des Tauwetters, sondern weil in fernen Niederungen nach wie vor viel Strom gebraucht wird: Der gut 19 Millionen Kubikmeter fassende Stausee senkt sich bis Ende April bis zu 20 Meter ab und das Wasser treibt die stromproduzierenden Turbinen im Puschlav an. Zu dieser Zeit ist am Berninapass auch Xrot mt 95403 unterwegs: Die rund 31 Tonnen schwere Schienen-Schneefrässchleuder sorgt dafür, dass die Bahnverbindung über den Berninapass im Winter offen bleibt.

Xrot mt 95403 und ihre Schwester Xrot mt 95404 sind gewissermassen die maschinellen Nachfahren all der Ruttner von Poschiavo und Pontresina, die im Mittelalter und in der frühen Neuzeit den Weg bis zur Passhöhe offen hielten. Mit Pferden und Ochsen stampften und pflügten sie eine Fahrbahn in den Schnee, «brachen den Berg», wie man damals sagte. Auf der Fahrbahn aus Schnee konnten die sogenannten Säumer dann ihre Waren transportieren: Wein, Weizen, Hirse und Roggen etwa, oder Käse, Kastanien, Hanf, Leder, Fett und Leinen. Beim Lagh da la Cruseta, dem kleinen See hinter dem Hospiz, trafen die Ruttner aus Poschiavo auf jene von Pontresina und ganz in der Nähe übergaben die Säumer aus dem Norden die Waren an jene aus dem Süden.

Warum Diskussionen notwendig sind

Ganz in der Nähe steht seit 2019 der Strassenunterhaltsstützpunkt des Tiefbauamts Graubünden. Dieser erscheint als grosser Betonbogen, der sich in eine natürliche Geländekammer einfügt. Der Bogen bildet zum Lago Bianco hin einen offenen Werkplatz, die Werkräume befinden sich im Erdreich hinter den fächerartig angeordneten Zugängen. Darüber ist ein Turm ersichtlich, der an die Lüftungsanlagen grosser Strassentunnels wie auf der Passhöhe des San Bernardino denken lässt. Doch hier handelt es sich um den Speicher einer Siloanlage für Salz und Split. Eingebaut in den Turm ist zudem eine Art «camera obscura». Durch diese eigentlich simple, der Frühform der Fotografie nachempfundene Konstruktion wird die Gebirgslandschaft des Berninamassivs auf faszinierende Weise in den Turm projiziert. Der Stützpunkt entstand 2019; die Büros Bearth & Deplazes (Architektur) und Ferrari Gartmann (Ingenieure) hatten den entsprechenden Wettbewerb gemeinsam gewonnen.

«Solche Aufträge faszinieren mich», sagt Emanuela Ferrari, Co-Geschäftsleiterin und Mitgründerin des Churer Ingenieurbüros. «Bei so einem Projekt geht es um die Auseinandersetzung mit der Kulturgeschichte und mit dem Ort – zugleich geht es auch um die Suche nach der technisch geeignetsten Lösung.» Damit tönt Emanuela Ferrari auch bereits an, was sie an ihrer Arbeit allgemein fasziniert und was dementsprechend auch ihr Büro prägt: das Interdisziplinäre.

Diesem themen- und fachübergreifenden Ansatz liegt wohl schlicht Neugier zugrunde. Schon früh interessierte Emanuela Ferrari nicht nur, wie etwas aussehen könnte, sondern auch, wie – und aus was – man etwas so zusammenfügen kann, dass es hält. Das führte konsequenterweise zum Gedanken, dass ein Bau nicht nur stabil sein sollte, sondern dass die Stabilität auf eine Weise erreicht werden sollte, die dem Bauprojekt bestmöglich entspricht.

Aber darüber müsse man diskutieren, sagt Emanuela Ferrari. Mit Diskutieren meint die 39-Jährige nicht, dass man einer Bauherrschaft eine eigene Lösung aufdrängen könne, sondern vielmehr, dass die architektonischen und ingenieurtechnischen Prozesse möglichst gut miteinander verbunden sein sollten. Und dazu braucht es Diskussionen. Das notwendige Verständnis für die architektonische Seite hat die Bauingenieurin Emanuela Ferrari durchaus. Sie absolvierte von 2008 bis 2011 berufsbegleitend ein Architekturstudium an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Chur, der heutigen Fachhochschule Graubünden, studierte dann ein Jahr lang an der Accademia di architettura in Mendrisio und machte ein Praktikum beim renommierten Pariser Landschaftsarchitekten Michel Desvigne. Während ihres Studiums arbeitete sie bereits als Projektingenieurin im Churer Büro Conzett, Bronzini, Gartmann – denn schliesslich hatte Emanuela Ferrari schon Bauingenieurwissenschaften an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne und an der University of Waterloo in Kanada studiert und mit einem Masterdiplom abgeschlossen.

Was das Büro mit der Baustelle verbindet

Projekte wie die ingenieurtechnische Planung des Unterhaltsstützpunkts am Berninapass nehmen ihren Ursprung im Bärenloch Chur. Hier baute Emanuela Ferrari in den letzten Jahren zusammen mit ihrem Partner Patrick Gartmann ein eigenes Büro auf. Dieses wuchs im verwinkelten, noch spätmittelalterlich geprägten Kleinquartier bei der Martinskirche organisch zu seiner heutigen Grösse: Erst teilten sich Emanuela Ferrari und Patrick Gartmann nur einen Büroraum, heute werden Fragestellungen zu Bautechnik und Baukunst in mehreren Stockwerken des historischen Hauses diskutiert.

Es kann einer arbeitstätigen Mutter immer noch passieren, dass sie auf dem Spielplatz (nach den obligaten Fragen nach Namen und Alter der Kinder) gefragt wird, ob sie denn arbeite. Ja, sagte die Ingenieurin. Und wieviel sie denn arbeite? 80 Prozent, sagte die dreifache Mutter – und wurde daraufhin mit entsetztem Blick gross angeschaut. Und so empfand sie sich kurz tatsächlich als Flasche, gefüllt mit Hochprozentigem. Tatsächlich befindet sich Emanuela Ferrari auch ab und an im Dilemma. So wurde sie als Referentin zu einem Anlass für junge Bauingenieurinnen in Zürich eingeladen. Sollte sie hier nun ein Projekt vorstellen oder sollte sie erzählen, wie sie als Frau Familie und Beruf unter einen Hut bekommt? Kaum ein Mann käme wohl auf die Idee, über das Windelwechseln statt über Tragwerksberechnungen zu referieren. Emanuela Ferrari löste das Problem jedoch konstruktiv – und sprach über das Interdisziplinäre im Privatleben und im Beruf.

Im Büro und bei der Arbeit seien Geschlechterfragen inzwischen passé. «Wir ermuntern etwa auch die Väter unter unseren Mitarbeitenden, einen «Papa-Tag» einzuplanen. Und an der FH Graubünden, wo Emanuela Ferrari unterrichtet? Kein Thema, winkt die Ingenieurin ab. Hier beschäftigt sie eher, dass manche Studierenden einem Zeitgeist-Phänomen erliegen: «Wissen ist heute dank neuer Technologien breit verfügbar; aber Wissen heisst noch nicht Verstehen.» Als Bauingenieurin oder Bauingenieur genüge es nicht zu wissen, mit welcher Formel man was berechne. Man müsse begreifen, wie man ein Problem angehen soll, und müsse verstehen, was eine Konstruktion wirklich ausmacht. Und das, sagt die Architektin und Ingenieurin, das müsse man in erster Linie eben auch wollen. Denn ohne Wollen gehe es im Ingenieurbereich so oder so nicht – weder im Büro im Bärenloch noch auf einer Baustelle wie am Bernina.

Beitrag von

Thomas Kaiser, Wortwert.ch  Büro für Kultur und Kommunikation

Emanuela Ferrari, Ferrari Gartmann AG