Wissensplatz Zwischendurch erwacht der Künstler - FH Graubünden

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Zwischendurch erwacht in ihm der Künstler
Zwischendurch erwacht in ihm der Künstler

Zwischendurch erwacht in ihm der Künstler

Angefangen hat alles mit einem Sack Streichhölzer. Diese hatten es Nino Wilhelm schon als Kind angetan. Er experimentierte, baute Schiffchen oder andere Gebilde. Heute ist der 19-Jährige im vierten Lehrjahr als Architekturmodellbauer und kann immer wieder seiner Kreativität freien Lauf lassen.

Text und Bilder: Luzia Schmid

«Ich habe schon immer gerne rumgebastelt und experimentiert», sagt Nino Wilhelm beim Gespräch im Atelier der FH Graubünden. Der Standort C ist ein besonderer: Schon im Eingangsbereich merkt man, dass hier Kreativität und Handwerk angesiedelt sind. An der Wand hängen zahlreiche Karten und Fotografien von Bauwerken, auf den Ablagen stehen Architekturmodelle. Nino Wilhelm hat hier seine Welt gefunden. Es sind einerseits das Filigrane, die Handarbeit, die ihn reizen, andererseits das Holz, dessen Beschaffenheit und Robustheit, die ihn faszinieren. Schreiner, Zeichner, Matrose – es waren verschiedene Berufe, die ihn interessierten. Nach ein paar Schnupperwochen – zunächst auf einem Frachtschiff auf dem Rhein und dann auf einem Kreuzfahrtschiff – war dem Jugendlichen damals aber klar, dass der Beruf des Matrosen nicht «seine Welt» war. Die Arbeit war ihm zu wenig handwerklich, zu wenig kreativ. Als Schreiner hätte er zwar mit Holz gearbeitet, «aber diese Arbeit ist halt eher grob». Der Zeichner wirkt «vor allem am Computer und wenig mit den Händen». Nino Wilhelm bezeichnet es deshalb als «grosses Glück», dass er in der Berufsberatung vom Architekturmodellbauer erfuhr – und nach dem Schnuppern auch gleich eine Lehrstelle an der Fachhochschule Graubünden fand. «Hier habe ich von allem etwas. Ich kann zeichnen, bauen, fräsen – und ab und zu habe ich sogar Zeit, selber zu experimentieren.»

Das dreiköpfige Team um Aldo Hanhart, dem Leiter der Architekturmodellbau-Werkstatt der FH Graubünden, fertigt im Auftrag von Architekturbüros massstab- und naturgetreue Modelle an und unterstützt die Studierenden bei ihren Arbeiten. Zu den Aufgaben des Lernenden gehört auch das Erstellen von Konstruktionszeichnungen anhand von Plänen, um die Modelle exakt fertigen zu können. In den vier Lehrjahren lernt er zudem, aus verschiedensten Materialien wie Holz, Kunststoff, Bunt- und Leichtmetallen, Papier, Kork, Gips oder Metall den Modellen ein möglichst natürliches Aussehen zu verleihen.

Fingerfertigkeit und Präzision

Diese Vielseitigkeit entspricht Nino Wilhelm sehr. Je nach Modell dauere es mehrere Monate bis zur Vollendung, sagt der Lernende und erklärt, wie er dabei vorgeht. Ein Modell besteht aus verschiedenen Schichten. Von unten her wird eine Platte um die andere ausgefräst. Diese Arbeit erledigt eine Maschine, nachdem Nino Wilhelm die Vorgaben auf dem Computer gezeichnet und der Fräse den Auftrag erteilt hat. Flüsse und Strassen werden ausgespart, Hügel erhöht. Teilweise müssen Hohlräume für Gebäude eingebaut werden. Die Häuser bauen die Modellbauer von Hand, schleifen sie ab und kleben sie ein. Auch Brücken, Geländer oder ein Handlauf sind Feinstarbeiten, die grosse Präzision erfordern. Für die Bäumchen hängt im Lager der Werkstatt eine grosse Auswahl von getrockneten Sträuchern von der Decke herab, die nur noch zugeschnitten werden müssen.

Wenn Nino Wilhelm von seiner Arbeit erzählt, erwacht zwischendurch der Künstler in ihm, etwa wenn er die Beschaffenheit der verschiedenen Holzarten beschreibt oder über das Mischen von Farben sinniert. Dann rückt seine kreative Seite in den Vordergrund. Die Coronakrise ist ihm dabei fast ein wenig entgegengekommen. Weil ihre Arbeit von zuhause aus nicht erledigt werden kann, sind die Modellbauer weiterhin vor Ort in der Werkstatt anzutreffen – selbstverständlich unter Einhaltung der Schutzmassnahmen und Distanzregeln. Weil sich durch die Krise die Auftragslage verändert hat, bleibt zwischendurch jetzt mehr Zeit für das Kreative. «Ich liebe zum Beispiel das Tüfteln mit Giessharz», sagt der Lernende und präsentiert seine kunstwerkähnlichen Experimente.

Experimentieren mit Giessharz

Nur zwei Lehrstellen im Kanton

Für seine aktuelle Semesterarbeit – seine letzte vor der Lehrabschlussprüfung – muss Nino Wilhelm für den Lehrbetrieb ein Modell bauen, welches anschliessend verkauft werden kann. Für dieses muss er einen Zeitplan erstellen, die Arbeitsschritte genau dokumentieren und diese fotografisch festhalten. Die Arbeit, die er dafür ausgewählt hat, ist ein Brückenbauprojekt. Zwischen Biberbrugg und Altmatt im Kanton Schwyz ist seit vielen Jahren zum Schutz der dortigen Moorlandschaft ein Übergang geplant. Für diese Brücke hat Nino Wilhelm in den letzten Monaten eine Variante gebaut. «Leider habe ich mich im Zeitplan völlig vertan», sagt der Lernende. Er habe fast doppelt so lange für die Arbeit gebraucht, als er eigentlich berechnet habe. Deshalb hofft er, vielleicht noch ein anderes Modell als Semesterarbeit fertigen und aus den Fehlern lernen zu können.

Ein Brückenbauprojekt als Seminararbeit

Die Berufsschule besucht Nino Wilhelm in Zürich. In seiner Klasse sind nur sieben Schüler, insgesamt sind es über alle vier Lehrjahre verteilt in der Deutschschweiz zurzeit 26 Lernende «Architekturmodellbauer/in EFZ». Die meisten seiner Mitschülerinnen und Mitschüler sind bei Betrieben in der Privatwirtschaft tätig. «Sie erzählen manchmal von grossem Zeitdruck und ungenauen Arbeiten», sagt der 19-Jährige. Er sei froh, dass er an der FH Graubünden eigentlich immer die Zeit habe, sorgfältig zu arbeiten und etwas im Bedarfsfall noch auszubessern.Dem Ende seiner Lehre blickt er deshalb auch mit gemischten Gefühlen entgegen. Im Kanton Graubünden gibt es nur zwei Betriebe mit Architekturmodell-Lernenden. Entsprechend klein sind die Möglichkeiten für eine Arbeitsstelle in diesem Bereich. Aus Graubünden wegziehen möchte der in Chur aufgewachsene 19-Jährige lieber nicht. «Als Schreiner würde mir die Feinarbeit fehlen, als Architekt das Handwerkliche.» Wohin es ihn verschlägt, ist also noch völlig offen. Nino Wilhelm hofft, im Bereich Design oder vielleicht in der Innenarchitektur fündig zu werden.

Beitrag von

Luzia Schmid, Projektleiterin, Hochschulkommunikation