Wissensplatz Bauen für den Tourismus - FH Graubünden

Menu
Wissensplatz
Bauen für den Tourismus – Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen sind gefragt
Bauen für den Tourismus: Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen sind gefragt

Bauen für den Tourismus: Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen sind gefragt

Die Entwicklung neuer und die Erweiterung bestehender Hotels sind komplexe Aufgaben, in die zahlreiche Fachleute involviert sind. Nur durch die enge Zusammenarbeit von Menschen aus unterschiedlichen Wissensgebieten sind nachhaltig erfolgreiche Hotelprojekte möglich. Architektur- und Tourismus-Studierende der Fachhochschule Graubünden haben in einer interdisziplinären Semesterarbeit für die Belvédère Hotels in Scuol ein Hotelkonzept entwickelt und dabei wertvolle Erfahrungen gesammelt.

Text: Robert Albertin, Noëlle Bottoni und Norbert Hörburger / Bilder: FH Graubünden

Die Planung einer Hotelerweiterung für die Belvédère Hotels in Scuol war eine äusserst spannende Aufgabe und eine gute Grundlage, um mit Studierenden aus unterschiedlichen Fachbereichen strategische Fragen zu beantworten und Umsetzungsvorschläge zu entwickeln. Während der Analysephase setzten sich die Studierenden mit der baulichen Situation, den architektonischen Rahmenbedingungen, dem bestehenden Angebot der Belvédère Gruppe sowie der Markt- und Wettbewerbssituation der örtlichen Hotellerie auseinander. Dabei wurden die Bedürfnisse potenzieller Gäste und das Angebot der Destination untersucht.

Intensive Zusammenarbeit

Während der gemeinsamen Vorlesungen wurden Kenntnisse und Fähigkeiten zur Entwurfsgestaltung und zur Hotelkonzeptionierung vermittelt. In der anschliessenden Entwicklungsphase lag ein besonderer Fokus – unter Berücksichtigung der Bedürfnisse des Eigentümers – auf der Wirkung des Hotelgebäudes im Ortsbild und der Gestaltung eines funktionalen Grundrisses mit ansprechenden Hotelzimmern. Bei ihrer Zusammenarbeit mussten sich die Studierenden mit Fragen zu den wesentlichen Erfolgsfaktoren von Hotels, zu deren Zielgruppen und Bedürfnissen sowie zur Prozessoptimierung und nachhaltigen Betriebsführung auseinandersetzen. Ganz wie bei einer realen Projektentwicklung waren während der finalen Planungsphase mehrere Abstimmungen zwischen den Fachbereichen Tourismus und Architektur nötig. Dabei standen vor allem Themen wie die flexible Gästeunterbringung in Form einer Kombination von Zimmer- und Wohnungseinheiten, die optimale Raumanordnung und eine attraktive Innenraumgestaltung im Vordergrund. Eine besondere Herausforderung lag naturgemäss in der Vereinbarkeit der wirtschaftlichen Aspekte mit einer ansprechenden, charakteristischen Architektur.

Fünf spannende Konzepte

Entstanden sind schliesslich unter der Begleitung der Dozierenden Christoph Sauter und Norbert Hörburger fünf ganz unterschiedliche Hotelkonzepte bzw. Bebauungsvorschläge, die alle ihre Qualitäten aufweisen. So entschied sich beispielsweise das Projekt «Bel Alpin» dazu, eine grosse Teilfläche des ehemaligen Coop-Geländes der gesamten Bevölkerung zur Verfügung zu stellen und so einen öffentlichen Platz zu schaffen, der einen Mehrwert für die ganze Gemeinde Scuol darstellt. Der Fokus beim Hotel «Oasa Vent» lag auf dem Austausch und dem Networking im Unterengadin, wo sich Alleinreisende persönlich weiterentwickeln und ihr Leben entschleunigen können. Durch die grosszügige Begrünung und die Verschmelzung von Innen- und Aussenraum wurde das definierte Konzept auch architektonisch umgesetzt. Einen ganz anderen Ansatz verfolgte das Projekt «Comunità», bei welchem die Struktur des bestehenden Gebäudes erhalten bleibt und ein neues, innovatives Hotelangebot durch einen intelligenten Umbau geschaffen werden kann.

Perspektiven der jungen Generation

Ende Januar 2020 wurden die Hotelprojekte einem interessierten Publikum vorgestellt. Dabei war es für die Studierenden eine ganz besondere Anerkennung, unter anderem den Gemeindepräsidenten von Scuol, Christian Fanzun, und den Inhaber der Belvédère Hotels Scuol, Kurt Baumgartner, begrüssen zu dürfen. «Mit den Entwicklungsarbeiten der Studierenden erhält man mehrere Konzeptentwürfe, die eine wertvolle Grundlage für die eigene Projektierung bieten und es ermöglichen, die Perspektive der jungen Generation in ein Hotelprojekt mit einzubeziehen», sagte der Hotelier des Jahres 2018, «denn schliesslich sind die Jungen die künftigen Leistungsträger und Gäste von Morgen.» Gemeindepräsident Christian Fanzun hielt derweil fest, dass der Schulterschluss von Studierenden aus Tourismus und Architektur für Projektstudien ein grosser Vorteil und im Hinblick auf die künftige Entwicklung touristischer Vorhaben vielversprechend sei. «Es wäre für die Gemeinde sehr wichtig, dass solche Projekte auch tatsächlich umgesetzt werden.»

In einer Tourismusregion wie Graubünden ist das gegenseitige Verständnis der jeweiligen Bedingungen und Bestimmungen sowie der Menschen aus unterschiedlichen Fachgebieten von zentraler Bedeutung. Es ist ein wesentlicher Erfolgstreiber für die notwendige ganzheitliche Kompetenz bei der Entwicklung und Bewirtschaftung von Tourismusimmobilien. Durch die Bündelung und Interaktion von Architektur und Tourismus werden die Entwicklerkompetenz und das ganzheitliche Verständnis für Hotels gestärkt – nebst der Standortqualität und der Betriebsführung sind dies die wesentlichen Erfolgstreiber für alle Tourismusbauten. «Leben vom Tourismus» heisst immer auch «Bauen für den Tourismus».

Interdisziplinäre Vielfalt

Das Institut für Bauen im alpinen Raum (IBAR) beschäftigt sich unter der Leitung von Robert Albertin und Noëlle Bottoni seit zwei Jahren vermehrt mit touristischen Architekturfragen rund um den kulturellen und historischen Kontext in den Alpen. Durch die Zusammenarbeit mit Norbert Hörburger und weiteren Expertinnen und Experten aus dem Institut für Tourismus und Freizeit (ITF) sowie den partiellen Miteinbezug von Studierenden wird eine Gesamtsicht ermöglicht. Den Auftraggebern und Gemeinden kann somit eine Vielzahl von Varianten präsentiert werden, welche als strategische Grundlage für die Weiterentwicklung dienen. Interdisziplinäres Teamwork kann in diesem Bereich einen wertvollen Beitrag zur baulichen Vielfalt unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen und touristischen Rahmenbedingungen bieten.