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Wenn aus Forschung Begegnung wird
Wenn aus Forschung Begegnung wird

Wenn aus Forschung Begegnung wird

Wenn bei einem Forschungsprojekt bereits in der Vorbereitungsphase das passiert, was mit dem Projekt überhaupt erst erreicht werden soll, ist das mehr als ein glücklicher Zufall. Beim Projekt BEGIN, bei dem es um die berufliche Ausbildung und den Berufseinstieg von Migrantinnen und Migranten im Pflegebereich geht, ist genau das passiert. Die Mitarbeit bei diesem Forschungsprojekt führte den Autor zu unerwarteten Einsichten. Ein Erfahrungsbericht.

Text: Peter Indergand / Bilder: Standbilder aus BEGIN-Videos

BEGIN ist das Akronym für «Berufliche und gesellschaftliche Integration» von Migrantinnen und Migranten mittels eines intergenerationellen Mentoringprogramms». Es ist ein Forschungsprojekt unter der Federführung des Instituts Alter an der Berner Fachhochschule BFH mit Beteiligung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und der Fachhochschule Graubünden, das im Januar 2020 abgeschlossen wurde. Das Institut für Multimedia Production (IMP) der FH Graubünden erarbeitete im Rahmen dieses Projekts multimediale Arbeitsunterlagen für die «Tandems»: Hierbei handelte es sich um ältere pflegebedürftige Mentorinnen/Mentoren und ihre Mentees, die sich im Rahmen mehrerer Treffen diesbezüglich austauschten. Zum Arbeitsmaterial gehörten auch zehn Videos, die bei den Mentoringtreffen als Diskussionsanstoss dienten.

Forschung, eine trockene Angelegenheit?

In einer ersten Phase des Projekts lief es so, wie ich es mir als eher unerfahrener «Forscher» vorgestellt hatte: Es wurde Material zusammengetragen, Tabellen wurden ausgefüllt und Zwischenstände in Präsentationen zusammengefasst. Die Vermutung lag nahe, dass es eine trockene und «unsinnliche» Angelegenheit werden könnte. Auffallend war für mich in der Anfangszeit der Projektarbeit, wie weit die Welt der Forschenden und die Alltagsrealität der Probandinnen/Probanden voneinander entfernt waren. Ich fragte mich, ob es gelingen würde, Arbeitsmaterialien zu entwickeln, die den Mentorinnen/Mentoren und Mentees dabei helfen konnten, in einen produktiven Dialog zu kommen. Es sollte dabei nicht um Fachliches aus dem Bereich der Pflege gehen, sondern um eine Unterstützung der Migrantinnen und Migranten in Themenbereichen wie Sprache, kulturelle Unterschiede, Familie oder Abgrenzungsprobleme. Je mehr wir uns mit diesen Themen befassten, desto mehr Fragen tauchten auf.

Die Mentorinnen und Mentoren waren nicht das Problem, das waren Schweizerinnen und Schweizer im Pensionsalter. Wir konnten uns vorstellen, welchen Background sie mitbrachten und wie wir sie ansprechen konnten. Aber wo holt man Migrantinnen und Migranten ab, um ihnen bei interkulturellen und persönlichen Problemen gute Lösungsansätze zu bieten? Um welche Schwierigkeiten ging es überhaupt konkret? Es brauchte zahlreiche Interviews mit Betroffenen, um diese Fragen zu klären. Erst dann konnten wir beginnen, die Arbeitsmaterialien zu erarbeiten. Und so entstanden eine Website mit einem Login-Bereich für die Teilnehmenden sowie ein Arbeitsheft. Als Impulsgeber für die Mentoringtreffen produzierten wir zudem eine Reihe von Videos. Da ich von Haus aus Filmer bin, übernahm ich diese Aufgabe. Ziel war es, in kurzen Filmsequenzen möglichst authentische Situationen zu erzählen und typische Probleme anzusprechen, wie die Probanden sie aus ihrem Alltag kennen. Dabei ging es beispielsweise um Verständigungsprobleme, den Umgang mit Stress am Arbeitsplatz oder die Schwierigkeit von Abgrenzung und Nein-Sagen-Können. Wir thematisierten aber auch eigene Stärken, die vielleicht nicht als solche wahrgenommen werden.

Eine erzählerische Haltung finden

Die konzeptionelle Herausforderung bestand darin, eine möglichst einfache Lösung zu finden. Nichts sollte inszeniert oder «geschauspielert» wirken. Didaktische Überlegungen sollten «unsichtbar» bleiben. Und was am wichtigsten war: Die kleinen Geschichten sollten keine Lösungen anbieten, sondern lediglich dazu animieren, über Lösungsansätze nachzudenken und darüber zu diskutieren. Wir entwickelten Ideen für zehn Situationen, die aufgrund der Recherchen als charakteristisch eingestuft werden konnten. Wir mussten diese nur noch umsetzen ...

Der Schlüssel für das Gelingen der Filme war, in echten Situationen mit echten Mitwirkenden zu drehen. Zwei Pflegeeinrichtungen sowie eine Spitex unterstützten uns dabei. So wurde es uns ermöglicht, im Alterszentrum, in der Spitex und bei einigen Klientinnen/Klienten zuhause zu drehen. Die Darstellerinnen und Darsteller waren keine Schauspielerinnen und Schauspieler, sondern Menschen, die so agierten, wie sie es normalerweise in ihrem Alltag tun. Wir baten sie einfach, sich eine Situation vorzustellen, die wir ihnen schilderten, um sich dann innerhalb dieser Situation so zu verhalten, wie sie es von sich aus tun würden oder in der Vergangenheit vielleicht bereits getan hatten. Die Pflegehelferinnen und Pflegehelfer hatten alle einen Migrationshintergrund, so wie die Probandinnen und Probanden im Forschungsprojekt.

Aus Arbeit wird (er)leben

Was zunächst wie ein normaler Dreh begann, entwickelte sich in den verschiedenen Situationen zunehmend zur Begegnung mit Menschen. Es ging bald nicht mehr vorrangig darum, Material zu beschaffen, um die Videos zu schneiden und fürs Projekt einsetzen zu können. Das Ganze wurde zunehmend zu einem zwischenmenschlichen Erlebnis und Austausch. Da war die demenzkranke Witwe im Pflegeheim, die erzählte, wie sie als junge Frau ihre schönsten Momente auf der Theaterbühne erlebt hatte; jetzt, vor der Kamera, wirkte sie alles andere als dement, sondern sie erzählte und lachte. Da war die Spitex-Mitarbeiterin aus Südamerika, die beim Klienten zuhause eine Szene darstellen sollte, in der sie nicht Nein sagen kann, und die uns mit Tränen in den Augen erklärte, dass sie das nicht «spielen» müsse, weil sie es nur allzu gut kenne und täglich an sich selbst erlebe. Mit jedem Drehtag kamen neue Erlebnisse und Begegnungen dieser Art hinzu. Mit der Zeit erst realisierte ich, welche Bereicherung diese gemeinsamen Momente darstellten. Zwar produzierten wir hier Szenen, damit sie in einem Forschungsprojekt zum Einsatz kommen konnten, aber eigentlich passierte bereits in der Drehphase genau das, worum es im Projekt ging: Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und aus verschiedenen Kulturen kamen zusammen und miteinander ins Gespräch, tauschten Erfahrungen aus und lernten voneinander. Und genau das ist auch die Idee, die das Projekt BEGIN von Anfang an verfolgte.

BEGIN wurde in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Roten Kreuz durchgeführt, das mit seinem niederschwelligen Bildungsangebot im Pflegebereich (Zertifikatskurs Pflegehelferin/Pflegehelfer) Personen mit ausländischer Herkunft den Zugang zum schweizerischen Arbeitsmarkt ermöglichen will. fhgr.ch/begin