Wissensplatz Es braucht ein gutes Team - FH Graubünden

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Es braucht ein gutes Team, nicht zertifizierte Einzelgänger
Es braucht ein gutes Team, keine zertifizierten Einzelgänger

Es braucht ein gutes Team, keine zertifizierten Einzelgänger

Gemeinsamkeiten haben sie eigentlich wenige: So unterscheiden sich Kathrin Dinner, Peter Tromm und Werner Hediger, Forschende am Zentrum für wirtschaftspolitische Forschung der Fachhochschule Graubünden, hinsichtlich ihres Alters und Geschlechts, ihrer Erfahrungen und Ziele sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Aus ihren drei unterschiedlichen Blickwinkeln ist ein spannendes Gespräch über einen Begriff entstanden, der in der Bildungslandschaft nicht mehr wegzudenken ist: lebenslanges Lernen.

Gespräch und Text: Marc Herter / Bild: mentatdgt / Pexels

Wir wollen heute (Anmerkung: Dieses Gespräch wurde im März 2021 aufgezeichnet) über lebenslanges Lernen diskutieren – einen derzeit allgegenwärtigen Begriff, bei dem auch die FH Graubünden und somit ihr als Mitarbeitende eine tragende Rolle einnehmt. Zuerst interessiert mich jedoch etwas anderes: Was habt ihr zuletzt – homeofficebedingt wohl zuhause – bewusst gelernt?

Kathrin Dinner: Da gibt es vieles, das ich aufzählen könnte. Seit bald eineinhalb Jahren befinden wir uns im Homeoffice und es gelten immer wieder andere Einschränkungen im öffentlichen Leben. Da hat man Zeit, sich auch wieder vermehrt auf sich selbst zu konzentrieren. Eine berufliche Projektmanagement-Weiterbildung, ein Online-Kochkurs und meine junge Tochter haben mich auf Trab gehalten.

Werner Hediger: Zu den Herausforderungen in unserem Beruf gehört es, dass wir stets auf dem neusten Stand der politischen und wissenschaftlichen Diskussionen in unserem Forschungsgebiet sein müssen. Dies ging im vergangenen Jahr besser, als ich erwartet hatte, und ich nahm an zahlreichen Webinaren teil. Weil man sich da bequem vom Büro und von zuhause aus oder während der Fahrt im Zug zuschalten kann, besuchte ich auch Vorträge, für die ich wohl nicht durch die halbe Schweiz oder halb Europa gereist wäre.

Peter Tromm: Durch die Umstellung auf virtuelle Projektsitzungen und virtuellen Unterricht haben wir wohl alle unsere IT-Kenntnisse im Umgang mit Videosoftware verfeinert und gelernt, dass dies trotz anfänglicher Bedenken aus technischer Sicht sehr gut funktioniert. Gemeinsam mit unseren Studierenden haben wir im letzten Jahr unsere Online-Kompetenzen stark ausgebaut und viel für die Zukunft gelernt.

Auf plötzliche Veränderungen rasch reagieren zu können, will auf jeden Fall gelernt sein. Ist es das, was lebenslanges Lernen ausmacht? Oder was gehört da alles dazu?

Peter Tromm: Ganz wichtig ist, dass man persönlich stets offen für Neues ist und Dinge aufnehmen und auch kritisch hinterfragen kann. Als Wissenschaftler gehört dies zu meinem Beruf, denn auch die Wissenschaft hat viele offene Fragen und entwickelt sich immer weiter – nichts ist «fertig erfunden». Man muss zudem in der Lage sein, verschiedene Perspektiven einnehmen zu können, denn es gibt stets mehrere, oft gegenteilige Ansichten zu einem Thema. Auf keinen Fall würde ich lebenslanges Lernen an der Anzahl abgeschlossener Weiterbildungen und erhaltener Zertifikate festmachen.

Werner Hediger: Absolut, denn wir müssen zwischen Fähigkeiten und Kompetenzen unterscheiden. Nur weil jemand das Fach Personalmanagement mit der Höchstnote abgeschlossen hat, ist diese Person noch lange kein guter Personalmanager. Es geht also nicht darum, möglichst viele Kurse zu besuchen. Man muss das Gelernte auch anwenden können.

Kathrin Dinner: Im Grunde genommen befinden wir uns hier an der FH Graubünden in einem Club von Leuten, die sich bewusst dem lebenslangen Lernen verschrieben haben. Für die jungen Studierenden stellt das Studium an der FH Graubünden eine Station auf dem Weg zum lebenslangen Lernen dar. Genauso verhält es sich mit den Teilnehmenden von Weiterbildungsangeboten.

Peter Tromm: Dies nimmt dann auch uns in die Pflicht, damit wir Tag für Tag motiviert vor den Leuten stehen und Begeisterung für unsere Themen vermitteln können. Es liegt an uns, fachlich und methodisch stets auf dem neusten Stand zu sein. Wir lernen somit jeden Tag etwas dazu, weil unsere Tätigkeit uns dazu verpflichtet.

Glaubt ihr, dass sich das Verständnis des Begriffs «lebenslanges Lernen» verändert hat?

Werner Hediger: Was sich auf jeden Fall verändert hat, sind die Art und Weise sowie das Tempo der Informationsbeschaffung. Während meines Studiums Ende der 1970er-Jahre durchsuchte ich noch Hunderte von Karteikärtchen in der Bibliothek und gelangte von Buch zu Buch an neue Informationen. Heutzutage kann ich dasselbe online erledigen – und dies erst noch zeit- und ortsunabhängig.

Kathrin Dinner: Dabei stellt sich jedoch die Frage, ob wir auch wirklich effizienter sind. Die Recherchestrategien haben sich verändert, doch besteht die Herausforderung heutzutage darin, sich nicht in der Informationsflut zu verlieren und den Überblick zu behalten. Den Begriff «lebenslanges Lernen» hört und liest man derzeit tatsächlich überall. Er ist zu einem wohl zu oft verwendeten Buzzword geworden, hinter dem eine andere Entwicklung steckt: Weiterbildung um jeden Preis.

Vor ein paar Jahren mussten Recherchen noch hauptsächlich in Büchern getätigt und die wichtigen Informationen lesend gesucht werden.

Kathrin Dinner: Lebenslanges Lernen findet aber auch im Privaten statt. Gerade in den aktuellen Zeiten waren – und sind – gute Selbstorganisation, Rücksicht und Verständnis gefragt, wenn Beruf und Familie aufgrund der Homeoffice-Regelungen örtlich und zeitlich zusammenfallen. Ich habe in dieser Zeit auch mehrere Weiterbildungen absolviert und nehme einen gewissen Druck durchaus wahr. Es entsteht ein Gefühl, dass ich diese Weiterbildungsprogramme und Zertifikate brauche, um vor allem als junge Person in meinem Job weiterzukommen.

Peter Tromm: Früher war dies noch anders. Der Konkurrenzkampf war weniger ausgeprägt. Heutzutage bewerben sich Hunderte von Leuten aus ganz Europa auf eine Stelle bei einem Top-Unternehmen in der Schweiz. Dies hat zwar viele Vorteile und zeigt, dass wir top-ausgebildete Leute anzuziehen vermögen. Doch der Druck, aus dieser Masse hervorzustechen, hat den Run auf Weiterbildungsprogramme sicherlich beschleunigt. Bei zu vielen Zertifikaten verliert jedes einzelne jedoch an Wert und man beginnt sich zu fragen, was die betreffende Person wohl sonst noch erreicht hat. Man muss lernen, im Team zu denken – und aufhören, stets mit der Angst zu leben, abgehängt zu werden.

Gemäss dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) ist die Beteiligung an Bildung und Weiterbildung in der Schweiz deutlich höher als in EU-Ländern. Dabei beteiligen sich vor allem gut ausgebildete Personen intensiv am lebenslangen Lernen, während Leute ohne nachobligatorische Erstausbildung sich im Hintertreffen befinden. Woran könnte das liegen?

Kathrin Dinner: Zum einen hat dies wohl mit unserer Einstellung zu Bildung und Arbeit zu tun. Als kleines, aber internationales und offenes Land haben wir schon seit jeher Interesse am Austausch gezeigt.

Werner Hediger: Das ist korrekt. Aus volkswirtschaftlicher Sicht lässt sich dies schön beschreiben: Die Schweiz besitzt keine Bodenschätze, jedoch viel Humankapital. Zudem haben wir eine starke exportorientierte Wirtschaft und so müssen wir uns stetig weiterentwickeln, um diese komparativen Vorteile zu erhalten. Denn natürlich schläft der Rest der Welt nicht.

Peter Tromm: Zum anderen ist es aber auch eine Kostenfrage: Wir haben den hohen Wert der Bildung schon früh erkannt und finanzieren diesen grösstenteils mit öffentlichen Geldern. Wir sind stolz darauf, unser breites Bildungsangebot kostengünstig allen Bevölkerungsgruppen zur Verfügung stellen zu können.

Zum Schluss möchte ich euch fragen, was ihr gerne noch besser können würdet. Was möchtet ihr als Nächstes lernen?

Kathrin Dinner: Ich möchte gerne mehr über Strategien erfahren, die einem helfen, sich nicht in der heutigen Informationsflut zu verlieren, etwa bei der Recherche für Projektarbeiten. Ein geschickter und strukturierter Umgang mit Daten und Information vereinfacht die Arbeit und macht sie effizienter.

Peter Tromm: Da schliesse ich mich an. Konzentrationsfähigkeit ist nicht nur bei der Recherche ein Thema, sondern auch dann, wenn es darum geht, sich trotz aller Ablenkung auf Wesentliches zu konzentrieren. Dies wird durch die aktuelle Homeoffice-Situation verschärft, da die Ablenkung zuhause – je nachdem – auch ein Problem darstellen kann. Diesbezüglich hoffe ich natürlich, dass das bald ein Ende haben wird und wir uns alle wieder wie gewohnt vor Ort treffen und austauschen können.

Über Kathrin Dinner
Kathrin Dinner gehört zum hauseigenen akademischen Nachwuchs, sie hat ihr Masterstudium in Betriebsökonomie an der FH Graubünden abgeschlossen und sich auch gleich entschieden, ihre berufliche Karriere hier fortzusetzen. So forscht die 33-jährige Projektleiterin heute zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dass sie dabei Berufliches und Privates direkt verbinden kann, erlebt die Mutter eines zweijährigen Kindes tagtäglich. Lebenslanges Lernen erhält so – aus dem Geben und Nehmen in der Kindererziehung – eine neue Bedeutung.

Über Werner Hediger
Seit 2012 leitet Werner Hediger das Zentrum für wirtschaftspolitische Forschung an der FH Graubünden. Er hat seine berufliche Laufbahn der Wissenschaft gewidmet. Nach zahlreichen Stationen an Forschungs- und Bildungseinrichtungen in der Schweiz und im Ausland leitet er heute Forschungsprojekte an der Schnittstelle zwischen Energie-/Regionalökonomie und Nachhaltiger Entwicklung. Lebenslanges Lernen bedeutet für ihn «Neugierde zeigen, stets nachfragen und Wissen weitergeben». Dies möchte der passionierte Velofahrer auch mit seiner Tätigkeit als Dozent  Volkswirtschaftslehre den Studierenden vermitteln.

Über Peter Tromm
Dass Peter Tromm in seiner heutigen Rolle als Dozent und Projektleiter am Zentrum für wirtschaftspolitische Forschung den Kanton Graubünden in Sachen Wasserstofftankstellen und Stadtseilbahnen berät sowie angehende Tourismusfachleute in Statistik unterrichtet, mag überraschen, denn er ist promovierter Chemiker. An Berufs- und Lebenserfahrung fehlt es dem 63-Jährigen nicht und auch mit lebenslangem Lernen beschäftigt sich der ehemalige Schulleiter an den Unterrichtsorten Zürich und Chur seit nahezu 15 Jahren im Rahmen seiner Berufstätigkeit an der FH Graubünden.

Beitrag von

Marc Herter, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für wirtschaftspolitische Forschung