Vertrauen, Vertrauenswürdigkeit und soziale Netzwerke unter Flüchtlingen
Ethnische Diversität kann eine Gesellschaft dann bereichern, wenn Integration gelingt. Deshalb ist es wichtig zu verstehen, welche Faktoren die Integration fördern. Eine Studie zum Verhalten syrischer Flüchtlinge in Deutschland zeigt auf, dass soziale Netzwerke eine zentrale Rolle dabei spielen, wie Vertrauen und Zusammenhalt zwischen Zugewanderten und Aufnahmegesellschaft entstehen.
Text: Andreas Nicklisch / Bild: Wikicommons; Bybbisch94 / Grafiken: Andreas Nicklisch
Seit dem Ende des Kalten Krieges hat Europa mehrere Flüchtlingswellen erlebt, etwa aus dem ehemaligen Jugoslawien, aber auch aus Afghanistan und Syrien oder zuletzt aus der Ukraine. Die Integration dieser Menschen in den betreffenden europäischen Ländern, darunter auch die Schweiz, ist eine grosse Herausforderung. Seit Jahrzehnten erleben viele europäische Länder eher die negativen Folgen von ethnischer Segregation als eine Bereicherung durch kulturelle Vielfalt. Die Abschottung sowohl von Migrantinnen und Migranten als auch von Angehörigen der Aufnahmegesellschaft (siehe z. B. Simpson, 2004, für Belege aus dem Vereinigten Königreich in den 1990er-Jahren und Wacquant, 1993, für Frankreich in den 1980er-Jahren) ist ein markantes Symptom fehlender Integration.
Eine von der Deutschen Volkswagenstiftung geförderte Studie des Zentrums für wirtschaftspolitische Forschung ging der Frage nach, welche Faktoren eine erfolgreiche Integration syrischer Flüchtlinge in Deutschland begünstigen. Zu diesem Zweck wurde mit ausgewählten Geflüchteten eine Kombination von ökonomischem, anreiz-kompatiblem Entscheidungsexperiment («Vertrauensspiel» – siehe unten) und soziologischer Interview-Studie durchgeführt. Untersucht wurde, ob die ersten sozialen Kontakte der Geflüchteten Vorhersagen darüber erlauben, wie stark sie später Einheimischen oder anderen syrischen Flüchtlingen vertrauen.
Vertrauen durch soziale Bindungen
Soziale Netzwerke fördern das Vertrauen (d. h. die Bereitschaft einer Partei, sich gegenüber einer anderen Partei verletzlich zu zeigen) und ebenso die Vertrauenswürdigkeit zwischen Individuen (d. h. die Bereitschaft einer Partei, die Verletzlichkeit einer anderen Partei nicht auszunutzen). Gleichzeitig erleichtern sie den Austausch von Ressourcen innerhalb von Gruppen (Coleman, 1988), können aber auch Misstrauen zwischen Gruppen hervorrufen. Daher erscheint es entscheidend, die sozialen Netzwerke von Flüchtlingen sowie den damit einhergehenden Grad an Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit gegenüber der Heimatbevölkerung zu analysieren. So kann die Forschungsfrage beantwortet werden, ob die Art des sozialen Netzwerks den Grad der Integration von Migrantinnen und Migranten – gemessen am Vertrauen und an der Vertrauenswürdigkeit gegenüber Fremden – beeinflusst.
Die Sozialwissenschaften unterscheiden zwischen Bindungs- und Brückenbeziehungen. Bei Bindungsbeziehungen können Mitglieder sozialer Netzwerke sich gegenseitig helfen und Unterkünfte, Informationen zu Arbeitsmöglichkeiten, Informationen zu sozialen Dienstleistungen sowie emotionale Unterstützung bieten (Boyd, 1989). Bei Brückenbindungen unterhalten Mitglieder soziale Bindungen zu Angehörigen der Aufnahmegesellschaft. Die Studie prüft, ob syrische Flüchtlinge, die soziale Bindungen zu Personen derselben oder einer ähnlichen Nationalität knüpfen, andere Formen von Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit zeigen als jene Flüchtlinge, die vorwiegend Beziehungen zu Einheimischen knüpfen.
Vertrauen messen durch das «Vertrauensspiel»
Um das Vertrauen der Geflüchteten zu messen, wurden im Rahmen einer Feldbefragung 82 syrische und 70 deutsche Probandinnen und Probanden kontaktiert. Alle Teilnehmenden berichteten in strukturierten Interviews über ihre Freizeitaktivitäten (um ihre Bindungs- und Brückenbeziehungen abzuschätzen). Zuvor wurden sie aufgefordert, ein Vertrauensspiel (siehe unten) zu spielen.
Das Vertrauensspiel
Es gibt zwei Rollen im Vertrauensspiel: einen Vertrauensgebenden und einen Vertrauensempfangenden. Beide erhalten eine identische Startausstattung von 150 Punkten. Der Vertrauensgebende kann dem Vertrauensempfangenden einen beliebigen Punktbetrag zwischen 0 und 150 Punkten in Vielfachen von 50 Punkten überweisen.
Auf dem Weg zum Vertrauensempfangenden verdreifacht sich der Betrag. Das bedeutet, dass der Empfänger insgesamt 150, 300, 450 oder 600 Punkte erhält und nun wiederum entscheidet, wie viele Punkte er behält und wie viele er zurückgibt – falls überhaupt.
Die Teilnehmenden spielen das Spiel in beiden Rollen durch, als Vertrauensgebender und Vertrauensempfangender. In letzterer Rolle werden sie gefragt, wie viele Punkte sie an den Vertrauensgebenden zurücksenden würden, wenn der Vertrauensempfangende insgesamt 150 (150 eigene Punkte und keine gesendeten Punkte), 300 (150 eigene Punkte plus 150 gesendete Punkte usw.), 450, 600 oder 750 Punkte zur Verfügung hätte. Zum Zeitpunkt ihrer Entscheidungen wissen die Teilnehmenden, ob sie einen syrischen oder deutschen Mitspieler haben. Im Anschluss an das Spiel werden den Teilnehmenden die im Spiel erspielten Punkte in reale Euros umgetauscht und ausbezahlt.
Nach herkömmlicher wirtschaftlicher Logik ist davon auszugehen, dass niemals Punkte gesendet werden, da der Vertrauensempfangende voraussichtlich alle Punkte behalten wird, die er erhalten hat. Dies wird vom Vertrauensgebenden antizipiert, der daher seinerseits keine Punkte sendet. Entsprechend werden in der Literatur gesendete Punkte als «Vertrauen» bezeichnet, während zurückgesendete Beträge als «Vertrauenswürdigkeit» interpretiert werden.
Im weiteren Verlauf sind folgende zwei Grössen von Bedeutung: Einerseits kann der Vertrauensgebende dem Vertrauenden (Definition siehe oben) unabhängig vom ursprünglich gesendeten Betrag einen «Sockelbetrag» retournieren («bedingungslose Vertrauenswürdigkeit»). Andererseits kann der Vertrauensgebende dem Vertrauenden einen bestimmten Prozentsatz des ursprünglich gesendeten Betrags retournieren («bedingte Vertrauenswürdigkeit»). Beide Grössen können aus den Entscheidungsdaten abgeschätzt werden.
Mehr Solidarität innerhalb der eigenen Gruppe
Die Ergebnisse des Vertrauensspiels zeigen, dass Syrerinnen und Syrer, die vor allem Bindungsbeziehungen unterhalten, ein deutlich höheres Mass an bedingungsloser Vertrauenswürdigkeit gegenüber einem anderen syrischen Teilnehmenden ausüben als diejenigen, die vor allem Brückenbeziehungen unterhalten. Die Ergebnisse sind in Abbildung 1 dargestellt. Gleichzeitig differenzieren alle syrischen Flüchtlinge deutlich zwischen syrischen und deutschen Vertrauenden. Hierbei unterscheiden sich syrische Teilnehmende, die vor allem Bindungsbeziehungen unterhalten, nicht von syrischen Teilnehmenden, die vor allem Brückenbeziehungen unterhalten. Insgesamt zeigt sich in dieser Studie hinsichtlich der bedingungslosen Vertrauenswürdigkeit eine speziell ethnisch ausgeprägte Solidarität, wobei diese bei syrischen Teilnehmenden mit Bindungsbeziehungen stärker ausgeprägt ist.
Hinsichtlich der bedingten Vertrauenswürdigkeit zeigt sich ein anderes Bild (siehe Abbildung 2): Syrerinnen und Syrer, die vor allem Bindungsbeziehungen unterhalten, unterscheiden signifikant zwischen bedingter Vertrauenswürdigkeit gegenüber einem anderen syrischen Teilnehmenden und einem deutschen Teilnehmenden. Auf der anderen Seite differenzieren Syrerinnen und Syrer, die vor allem Brückenbeziehungen unterhalten, kaum gegenüber anderen Teilnehmenden. Anders ausgedrückt sorgen Brückenbeziehungen bei bedingter Vertrauenswürdigkeit für die Abnahme der ethnischen Diskriminierung durch die Reduktion der ethnisch ausgeprägten Solidarität.
Die Aussagekraft der Ergebnisse ist limitiert, da diese teilweise auf endogenen Variationen beruhen: Die Teilnehmenden «wählen» vor der Befragung ihre sozialen Netzwerke aus. Daher liefern die Daten lediglich Korrelationen. Es kann nicht unterscheiden werden, ob Flüchtlinge weniger vertrauenswürdig sind, weil sie sich an brückenbildenden sozialen Netzwerken beteiligen, oder ob sich gerade weniger vertrauenswürdige Flüchtlinge an brückenbildenden Aktivitäten beteiligen. Weiterführende Studien sollten also untersuchen, wie sich diese Einschränkung der Ergebnisse überwinden lässt.
Netzwerke fördern die Integration
In Anlehnung an John Donnes berühmten Satz «Kein Mensch ist eine Insel» (1624; zitiert aus Edwards, 2001) zeigt diese Studie auf, dass die Einbindung von Flüchtlingen in soziale Netzwerke mit ihrem sozioökonomischen Verhalten zusammenhängt. Bindungsbeziehungen korrelieren positiv mit mehr Vertrauen und bedingungsloser Vertrauenswürdigkeit untereinander. Gleichzeitig tritt bei Flüchtlingen, die vorwiegend Bindungsbeziehungen unterhalten, eine stärkere Differenzierung zwischen der eigenen und der einheimischen Bevölkerungsgruppe auf. Diese speziell ethnisch ausgeprägte Solidarität verschwindet mit einer hohen Anzahl von Brückenbeziehungen. Sowohl Bindungsbeziehungen als auch Brückenbeziehungen im Rahmen der sozialen Netzwerke können den Einwanderern und Flüchtlingen in ihren Aufnahmeländern also eine wichtige Hilfe sein. Bindungsbeziehungen können dazu beitragen, Sicherheitsnetze für die Flüchtlinge aufzubauen. Um die Gewichtung der ethnischen Differenzierung und die auf Abgrenzung zwischen Eigen- und Fremdgruppen beruhende Diversität zu verringern, sind Brückenbeziehungen wertvoll. Sie helfen den Einwanderern dabei, sich an ihr neues soziokulturelles Umfeld anzupassen und sich als aktive Mitglieder ihrer neuen Gesellschaft zu entfalten.
Weiterführende Information zur Studie
Literatur
- Boyd, M. (1989). Family and personal networks in international migration: recent developments and new agendas. Int Migr Rev 23(3):638–670
- Coleman, J. S. (1988). Social capital in the creation of human capital. Am J Sociol 94(Suppl): S95–S120
- Edwards, D. L. (2001). John Donne. Man of Flesh and Spirit. Continuum
Beitrag von
Prof. Dr. Andreas Nicklisch, Dozent, Zentrum für wirtschaftspolitische Forschung

