Zu Besuch in der Schweizerischen Nationalphonothek in Lugano
Wer an kulturelle Vielfalt denkt, hat oft Bilder vor Augen: Menschen unterschiedlicher Herkunft, verschiedene Sprachen, Traditionen oder Kunstformen. Doch Vielfalt lässt sich nicht nur sehen – sie lässt sich auch hören.
Text: Ivo Macek / Bilder: Schweizerische Nationalphonothek
Via Cortivallo in Lugano. Eine unscheinbar anmutende Villa in einem ruhigen Wohnquartier, eingebettet in eine mediterrane Parkanlage. Nur Insider wissen, dass sich hinter diesem Gemäuer eine prachtvolle Welt voller Stimmen, Melodien und Erinnerungen verbirgt. Die Villa ist Sitz der Schweizerischen Nationalphonothek, der «Fonoteca Nazionale Svizzera», dem klingenden Gedächtnis der Schweiz. Hier werden seit fast vierzig Jahren Tondokumente gesammelt, bewahrt und für die Zukunft gesichert. Was auf den ersten Blick wie ein spezialisiertes Archiv wirkt, entpuppt sich schnell als Ort, an dem die kulturelle Vielfalt unseres Landes in all ihren Facetten hörbar wird.Zwischen Regalen voller Tonbänder, Schallplatten, Kassetten und historischer Aufnahmemedien lagern Geschichten aus allen Regionen der Schweiz. Dialekte, Volksmusik, Jazz, klassische Konzerte, Interviews, Radiobeiträge oder Naturgeräusche – sie alle erzählen etwas über das Land, in dem wir leben.
Wenn Geschichte klingt
Die Schweizerische Nationalphonothek wurde 1987 gegründet und gehört heute zur Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern. Ihr Auftrag ist einzigartig: Sie sammelt sämtliche Tonaufnahmen mit Bezug zur Schweiz und macht sie für die Forschung und die Öffentlichkeit zugänglich. Rund 600 000 Tonträger unterschiedlichster Formate werden heute in Lugano aufbewahrt. Allein im vergangenen Jahr wurden fast eine Million digitale Audiotracks über diese Datenbank und die schweizweiten Hörstationen genutzt. Hinter diesen beeindruckenden Zahlen steht jedoch weit mehr als moderne Technik: Es geht um kulturelle Erinnerung.
Jede Aufnahme erzählt eine Geschichte. Die Stimme einer Schriftstellerin. Die Aufnahme eines längst verschwundenen Dialekts. Ein Jazzkonzert aus den 1960er-Jahren. Oder das Rascheln einer Bergwiese, das irgendwo im Engadin eingefangen wurde. Zusammen ergeben sie ein akustisches Panorama der Schweiz.«Unsere Bestände zeigen die Schweiz in ihrer ganzen Vielfalt», sagt Fonoteca-Leiter Günther Giovannoni stolz. «Wir bewahren nicht nur Musik, sondern Zeugnisse des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Jede Aufnahme ist Teil eines grösseren Ganzen.»
Informationswissenschaft zum Anfassen
Für die Studierenden – insbesondere des Weiterbildungsmasters in Informationswissenschaft am Schweizerischen Institut für Informationswissenschaft (SII) der FH Graubünden – ist die Nationalphonothek seit Jahren ein besonderer Lernort. Regelmässig reisen Gruppen aus Chur nach Lugano, um einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Hier erleben sie, wie theoretische Konzepte aus den Vorlesungen in der Praxis umgesetzt werden. Wie werden historische Tonträger erschlossen? Nach welchen Kriterien werden Sammlungen übernommen? Wie lässt sich digitales Kulturerbe langfristig sichern? Und wie macht man Bestände zugänglich, die auf längst verschwundenen Medien gespeichert sind? Viele Studierende berichten nach der Exkursion, dass sie Archiv- und Informationsarbeit erst hier in ihrer ganzen Komplexität verstehen. Zwischen Restaurierungswerkstatt, Tonstudio und Datenbank wird deutlich, wie vielfältig die Berufsfelder der Informationswissenschaft heute sind. Manchmal entstehen daraus sogar berufliche Wege.
Vom Hörsaal ins Klangarchiv
Mit Gabriele Cerilli und Desirée Ferrari-Besomi arbeiten heute zwei Absolvierende des SII in der Nationalphonothek. Beide kennen die Institution bereits aus ihrer Studienzeit und gehören inzwischen selbst zum Team, das das schweizerische Klanggedächtnis bewahrt. «Während meines Studiums habe ich verstanden, dass Information immer auch eine kulturelle Bedeutung in sich trägt», erzählt Gabriele Cerilli. «In der Nationalphonothek kann ich dieses Wissen täglich anwenden. Besonders schön ist es, wenn historische Aufnahmen wiederentdeckt werden und neue Aufmerksamkeit erhalten.» Auch Desirée Ferrari-Besomi sieht in ihrer heutigen Tätigkeit eine direkte Fortsetzung ihrer Ausbildung: «Die Informationswissenschaft vermittelt die Fähigkeit, komplexe Informationsbestände zu verstehen, zu strukturieren und zugänglich zu machen. Genau das passiert hier jeden Tag – nur dass die Information bei uns oft klingt.» Solche Laufbahnen zeigen exemplarisch, wie eng Ausbildung und Praxis miteinander verbunden sein können. Für das SII ist die Nationalphonothek deshalb weit mehr als eine Exkursionsdestination: Sie ist ein Beispiel dafür, welche beruflichen Perspektiven sich im Bereich des kulturellen Erbes eröffnen.
Aufbruch in die Zukunft
Obwohl die Nationalphonothek täglich mit historischen Dokumenten arbeitet, richtet sich ihr Blick konsequent nach vorne. Der bedeutendste Schritt steht bereits fest: Im Jahr 2031 wird die Institution ihren heutigen Standort verlassen und in die neue Città della Musica in Lugano-Besso umziehen. Auf dem Areal von Radio e Televisione della Svizzera Italiana RSI entsteht ein zukunftsweisendes Zentrum, das verschiedene Akteure aus den Bereichen Musik, Bildung, Forschung und Kultur zusammenführen soll. Die Nationalphonothek wird dort somit Teil eines lebendigen Ökosystems sein, in dem Bewahrung, Vermittlung und Innovation noch enger zusammenrücken. «Die Città della Musica bietet die einmalige Chance, unsere Arbeit sichtbarer zu machen und neue Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln», sagt Giovannoni. «Das kulturelle Erbe der Schweiz soll nicht nur erhalten bleiben, sondern aktiv erlebt werden können.»
Ein Land zum Zuhören
Wer die Nationalphonothek besucht, verlässt sie meist mit einem neuen Verständnis von Vielfalt – nicht als abstraktem Begriff, sondern als etwas Konkretem, Hörbarem und Lebendigem. Die Schweiz spricht viele Sprachen, pflegt unterschiedliche Traditionen und kennt unzählige kulturelle Ausdrucksformen. In Lugano werden diese Stimmen gesammelt, bewahrt und für kommende Generationen zugänglich gemacht. Vielleicht liegt gerade darin die schönste Definition von Vielfalt: dass sie nicht nur sichtbar ist – sondern klingt.
Beitrag von
Prof. Ivo Macek, Studienleiter, Schweizerisches Institut für Informationswissenschaft



