Kulturkochbuch: Alles wird zum Rezept

Kulturkochbuch: Alles wird zum Rezept

Kulturkochbuch: Alles wird zum Rezept

Kulturkochbuch: Alles wird zum Rezept

Was wäre, wenn Kunstwerke sich wie Rezepte lesen liessen? Im «Cultural Cookbook» übersetzen Multimedia-Production-Studierende Werke der Biennale di Venezia in Rezepte: mit Zutatenlisten, Zubereitungsschritten und Kontext. 

Text: Tanja Hess / Bilder: FH Graubünden

Das Cultural Cookbook verwandelt Ausstellungen in Rezepte. Was zunächst aussieht wie ein Kochbuch, ist in Wirklichkeit ein Analysewerkzeug, das Studierende des Bachelorstudiums Multimedia Production im Modul «Visualisieren» entwickelt haben. Zutatenlisten, Arbeitsschritte und Kontext dienen dazu, die Mechanismen von Ausstellungen sichtbar zu machen. Als Fallbeispiel diente die Biennale in Venedig (Italien), eine der wichtigsten internationalen Ausstellungen für Architektur. Die dort behandelten Themen reichen von Materialfragen über gesellschaftliche Konflikte bis hin zu Technik und Wahrnehmung. Um die oftmals verborgenen Ideen und Strategien hinter den Projekten offenzulegen, analysierten die Studierenden die Werke mithilfe eines sogenannten Reverse-Engineering-Ansatzes vom Ergebnis her.

Im Zentrum stand die Überführung einer kuratorischen Setzung in ein «Rezept»: Die Studierenden wählten Werke und Räume aus und analysierten die Ausstellung nach Materialität, Herstellungslogik, Bildrhetorik und Kontext. Leitend war dabei die Frage: Was brauche ich alles auf der Ausstellungsfläche? Diese Frage lässt sich in Form eines Rezepts nachvollziehbar beantworten. Dabei dient die Rezeptmetapher nicht der Vereinfachung, sondern der Präzisierung: Was ist wesentlich? Welche Schritte erzeugen Wirkung? Welche Rahmenbedingungen sind mitgemeint? Kategorien wie Zubereitungszeit, Zutaten, kulturelle Symbolik, gesellschaftlicher Kontext und Serviervorschlag schaffen eine gemeinsame Struktur und ermöglichen die Vergleichbarkeit zwischen unterschiedlichen künstlerischen Positionen. 

«Everything Becomes a Recipe» 

Methodisch verbindet das Projekt die Beobachtung vor Ort mit skizzenbasierter Analyse. Dabei wird Zeichnen als visuelles Analysetool verstanden und als Forschungspraktik eingesetzt. Es steuert die Aufmerksamkeit, sichert Details, strukturiert Zusammenhänge und macht Entscheidungen sichtbar. In kurzen Skizzensequenzen werden nicht nur Formen, sondern auch Relationen erfasst – etwa Raum, Blickführung, Materialwechsel und Inszenierungslogik. Aus den Skizzen entstehen visuelle Ausstellungsbausteine, die Begriffe darstellen, Zusammenhänge begründen und eine argumentierte Interpretation entwickeln. So trainiert das Format eine zentrale Kompetenz für technische und mediale Berufsfelder: komplexe Artefakte zu lesen, zu kontextualisieren und in eine klare, kommunizierbare Struktur zu überführen.

Typisches Beispiel für hybride Set-ups, die im «Cultural Cookbook» analysiert werden: Versuchsanordnung mit Wasser aus dem Kanal, bepflanzten Modulen und einer Kaffeemaschine, die Laborästhetik, Umweltbezug und räumliche Inszenierung verbindet.
Studierende beim skizzenbasierten Arbeiten: Vor Ort werden Raum, Materialität und Inszenierung zeichnerisch erfasst und anschliessend als Rezept verdichtet.

Das Ergebnis ist eine publizierbare Sammlung, die zugleich Lernprodukt und Referenzwerk ist. Jede Rezeptseite funktioniert als eigenständiger Einstieg in ein Werk, aber auch als Baustein einer grösseren Methodensammlung. Die Publikation wird durch die Einführung «Everything Becomes a Recipe» gerahmt. Sie begründet den Ansatz und öffnet ihn für weitere Kontexte – von Museumsbesuchen über Lehrveranstaltungen bis hin zur angewandten Forschung.

Das «Cultural Cookbook»: Mehr als ein Analysewerkzeug

  • Es stärkt die ästhetische und visuelle Urteilskraft als Bestandteil der wissenschaftsnahen Kommunikation.

  • Es befähigt Studierende, nicht nur an Diskursen teilzuhaben, sondern sie analytisch zu durchdringen und produktiv weiterzuentwickeln.

  • Es ist ein sichtbares Output-Format, das die Positionierung des Bachelorstudiums Multimedia Production im Spannungsfeld von Gestaltung, Medienproduktion und Forschung schärft.

  • Es ist ein skalierbares Format, das sich auf lokale Sammlungen, thematische Ausstellungen und interdisziplinäre Forschungssettings übertragen lässt.

Um die Nachnutzung in der Bildung und Vermittlung zu ermöglichen, erscheint das Projekt unter einer Creative-Commons-Lizenz (CC NC SA).

In mehreren Schritten zum besten Ergebnis

Die Studierenden arbeiteten in mehreren Durchgängen: zuerst eine offene Materialsammlung im Skizzenbuch (Notizen, Skizzen, Fotos, Referenzen), danach eine Verdichtung entlang der Kategorien und schliesslich eine sprachliche sowie visuelle Redaktion. In Peer-Reviews wurden die Rezepte auf Nachvollziehbarkeit, Evidenz im Bild/Text-Bezug und argumentative Stringenz geprüft. Dabei wurde darauf geachtet, dass die Metapher nicht dekorativ bleibt, sondern analytische Entscheidungen erzwingt: Welche Begriffe sind zu unscharf? Wo fehlt eine Begründung? Welche Details sind für Wirkung und Kontext tatsächlich tragend? Diese Fragen führten zu präziseren Texten und zu Skizzen, die nicht illustrieren, sondern erklären.

Beim Lesen der Legende einer südorientierten Weltkarte (um 180° gedreht) mit Fokus auf Afrika wird deutlich, wie die Karte ihre Aussage konstruiert.

Viele Beiträge der Biennale arbeiten mit hybriden Medien, etwa Installationen, Sound, Archivmaterial und performativen Elementen. Das «Cultural Cookbook» beschreibt diese Konstellationen so, dass sie als Gestaltungsentscheidungen vergleichbar werden: Welche Sensorik wird adressiert? Welche Zeitlichkeit wird hergestellt, handelt es sich um Loop oder Prozess? Werden Rituale inszeniert? Welche Rolle spielen Dokumente, Handwerk, digitale Verfahren oder kollektive Autorschaft? Indem das Projekt solche Fragen systematisch zugänglich macht, stärkt es eine reflektierte Haltung gegenüber Bildern und Narrativen. Diese Kompetenz ist angesichts von KI-generierten Inhalten und beschleunigter medialer Zirkulation von immer grösserer Bedeutung.

Ein Rezept für die Zukunft

Das «Cultural Cookbook» lässt sich unmittelbar in der Lehre einsetzen: als Reader für Exkursionen, als Schreib- und Analysevorlage oder als Ausgangspunkt für eigene «Rezepte» zu Filmen, Designobjekten, wissenschaftlichen Visualisierungen oder Prototypen. Aber das Potenzial des Formats ist damit noch nicht ausgeschöpft: Künftig könnte es auch für Forschungsprojekte weiterentwickelt werden – etwa mit zusätzlichen Kategorien zu Methodenzutaten, Datenquellen, Bias-Check oder Validierung. Damit verkörpert das «Cultural Cookbook» keine einmalige Publikation, sondern etabliert sich zu einem wiederholbaren Format, das Lehre, Vermittlung und Forschung systematisch verbindet.

Beitrag von

Prof. Tanja Hess, Dozentin, Institut für Multimedia Production