Hochschulen als Orte der Begegnung
Die Welt liebt Expertinnen und Experten. Für jedes Problem gibt es Fachleute, für jede Fragestellung jemanden mit entsprechendem Know-how. Wo Menschen sich spezialisieren, entsteht vertieftes Wissen: Man konzentriert sich stärker auf einzelne Themen und läuft dabei Gefahr, den Blick für Zusammenhänge und andere Sichtweisen schneller zu verlieren. Deshalb gewinnen Orte an Bedeutung, die unterschiedliche Disziplinen unter einem Dach vereinen und den Austausch fördern. Hochschulen gehören zu diesen Orten.
Text: Gian-Paolo Curcio / Visualisierung: Giuliani Hönger Architekten AG
Was gewinnt eine Gesellschaft und was verliert sie, wenn Spezialisierung und Perfektion zum Massstab werden? Diese Frage stellt der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Roland Reichenbach. Seine Antwort fällt differenziert aus. Im Zentrum seiner Überlegungen steht die Figur des Dilettanten – eines Menschen, der vieles interessiert verfolgt, ohne überall Experte zu sein. Was auf den ersten Blick wie ein Mangel erscheint, birgt für Reichenbach eine besondere Qualität: Der Dilettant weiss um die Begrenztheit seines Wissens und erhebt nicht den Anspruch, im Besitz der «einen» Wahrheit zu sein. Er muss Entscheidungen treffen, obwohl sich nicht immer eindeutig bestimmen lässt, was richtig ist. Indem er sich nicht auf eine einzige Perspektive oder vermeintliche Gewissheit beschränkt, bleibt er offen für unterschiedliche Lebens- und Wissenswelten. Darin erkennt Reichenbach eine Form von Freiheit. Die Vielseitigkeit des Dilettanten mag aus Sicht einer auf Effizienz ausgerichteten Gesellschaft unproduktiv wirken, doch seine Offenheit gegenüber unterschiedlichen Sichtweisen und seine Bereitschaft, verschiedene Argumente gegeneinander abzuwägen, können ihn für eine demokratische Gesellschaft bedeutsam machen.
Dieser Gedanke lässt sich auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen übertragen. Eine pluralistische Gesellschaft lebt von unterschiedlichen Perspektiven. Und diese Mehrperspektivität ist eine wichtige Voraussetzung, wenn es darum geht, den globalen Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen. Vom Klimawandel über die Digitalisierung bis hin zur Gesundheitsversorgung – die drängenden Probleme, vor denen unsere Gesellschaft steht, machen an Fachgrenzen nicht halt. Gefragt sind vielmehr Lösungsansätze, die unterschiedliche Fachgebiete, Erfahrungen und Sichtweisen berücksichtigen. So können neue Ideen, tragfähige Lösungen und Innovationen entstehen. Übertragen auf Hochschulen bedeutet dies: Ihre Stärke liegt nicht allein in der Spezialisierung, sondern in der Fähigkeit, unterschiedliche Disziplinen, Menschen und Denkweisen miteinander zu verbinden. Sie sind deshalb nicht nur Orte, an denen Expertinnen und Experten Wissen vertiefen, sondern auch Orte, an denen durch den Austausch zwischen verschiedenen Fachrichtungen neues Wissen entsteht. Damit werden die Pluralität der Perspektiven und das kritische Hinterfragen sowie Prüfen unterschiedlicher Argumente und Interpretationen zu einer wichtigen Grundlage für wissenschaftlichen Fortschritt und gesellschaftliche Innovation.
Das Fachhochschulzentrum schafft neue Möglichkeiten
Dieses Potenzial will die FH Graubünden künftig noch stärker nutzen. Mit dem Fachhochschulzentrum Graubünden entsteht ein Ort, der den interdisziplinären Austausch gezielt fördert und die Voraussetzungen für die Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg verbessert. Forschende, Studierende und weitere Hochschulangehörige aus unterschiedlichen Bereichen rücken nicht nur räumlich näher zusammen, sondern auch fachlich und im täglichen Austausch. Wo heute organisatorische Strukturen und räumliche Distanzen den spontanen Dialog erschweren, entstehen mit dem Fachhochschulzentrum bessere Möglichkeiten für Begegnungen, Kooperationen und gemeinsame Projekte. Diese bilden die Grundlage für ein lebendiges Campusleben und für ein Umfeld, das die Entstehung neuer Ideen begünstigt. Daraus wiederum können Forschungsarbeiten und Projekte hervorgehen, die über die Hochschule hinaus wirken, im ganzen Kanton Graubünden Resonanz finden und die Vernetzung über die Kantonsgrenzen hinaus stärken. Damit kann die FH Graubünden ihre Rolle als Impulsgeberin für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung des Kantons noch stärker wahrnehmen. Zudem entsteht mit dem Fachhochschulzentrum ein attraktiver Begegnungsraum mit Forschungspartnern und mit der Öffentlichkeit.
Je komplexer die heutigen gesellschaftlichen Herausforderungen werden, desto wichtiger sind Orte, an denen unterschiedliche Sichtweisen aufeinandertreffen und neue Lösungen in interdisziplinärer Zusammenarbeit entstehen. Prof. Dr. Roland Reichenbach erinnert daran, dass sich gesellschaftlicher Fortschritt nicht allein aus zunehmender Spezialisierung entwickelt, sondern ebenso von Offenheit gegenüber unterschiedlichen Perspektiven lebt. In diesem Sinne liegt die Zukunft der Hochschule nicht nur in der Stärke ihrer Fachbereiche, sondern ebenso in deren fachübergreifenden Vernetzung – und letztlich auch im Austausch mit der Gesellschaft.
Fachhochschulzentrum Graubünden nimmt Gestalt an
Das Fachhochschulzentrum Graubünden vereint einen Grossteil der heute noch dezentral gelegenen Standorte der FH Graubünden in Chur an einem Ort. Ziel ist es, den Hochschulbetrieb im neuen Gebäude im Herbst 2028 aufzunehmen. Bereits seit 2024 laufen die Bauarbeiten am neuen Campus. Mit dem Fachhochschulzentrum erhält Graubünden eine moderne Bildungs-, Forschungs- und Arbeitsstätte, die Raum für den interdisziplinären Austausch und die fachübergreifende Zusammenarbeit schafft und gleichzeitig den Wissenstransfer zwischen Hochschule, Wirtschaft und Gesellschaft stärkt.
Beitrag von
Prof. Dr. Gian-Paolo Curcio, Rektor, Vorsteher der Hochschulleitung
