Was denkst du?
Welche Fähigkeit wird heutzutage unterschätzt – und warum? Diese Frage beantworten Menschen mit Bezug zur Hochschule aus ihrer persönlichen Perspektive.
Text: Seraina Zinsli / Bilder: zVg
Ich denke, es gibt einige wichtige Werte in diesem Zusammenhang. Allen voran kommen mir Akzeptanz und Offenheit in den Sinn. Damit meine ich insbesondere die Offenheit gegenüber anderen Meinungen und Sichtweisen. Es ist wichtig, Verständnis für andere mitzubringen und sich bewusst in deren Perspektive hineinzuversetzen. Meiner Meinung nach wird diese Fähigkeit oft unterschätzt, obwohl sie eine zentrale Rolle für gute Teamdynamik und erfolgreiche Zusammenarbeit spielt. Wenn man versucht nachzuvollziehen, warum eine Person anders denkt oder handelt, entsteht ein besseres gegenseitiges Verständnis. Dadurch nimmt man automatisch mehr Rücksicht aufeinander und ermöglicht eine respektvollere und konstruktivere Zusammenarbeit.
Ungesättigt zu bleiben. Hungrig auf das nächste Forschungsthema, den Sonnenaufgang über einem Berggipfel, eine Grenzerfahrung, eine Horizonterweiterung – und das Leben selbst – zu bleiben. Despotische Kriegstreiber, zunehmende Polarisierung und Autokratisierung sowie immer neue Klimarekorde führen bei vielen Menschen zu Abstumpfung, Gleichgültigkeit und Resignation. Gerade deshalb ist Neugier so wichtig: Sie hält uns in Bewegung und ermöglicht es uns, direkt oder indirekt zu einer besseren Zukunft beizutragen.
Ich tu mich etwas schwer damit zu definieren, was Fähigkeiten sind. Sieht man Fähigkeiten als Begabungen oder Charaktereigenschaften, dann möchte ich ein paar hervorheben, die unterschätzt werden beziehungsweise ein wenig in Vergessenheit zu geraten scheinen: Es ist meiner Ansicht nach wichtig, eine eigene Haltung zu haben und ihr treu zu sein – vorausgesetzt, sie ist sachdienlich und progressiv. Je nach Bereich kann es aber auch nicht verkehrt sein, an Bewährtem festzuhalten. Durchhaltewillen und Leidenschaft – aber keine Verbissenheit – an den richtigen Stellen im Leben erachte ich als mächtige Werkzeuge für erfolgreiches Gelingen in sämtlichen Aspekten des Alltags.
Sowohl im privaten als auch im beruflichen Umfeld stelle ich immer wieder fest, dass Personen mit einer guten Selbstwahrnehmung Räume besser lesen, ihre Position adäquat einschätzen und angemessen agieren und reagieren können. Vielfach werden diese Qualitäten den Kommunikationsfähigkeiten (oder dergleichen) einer Person zugeschrieben. Für mich liegen die Wurzeln jedoch in einer positiven und korrekten Selbstwahrnehmung – und diese ist in der heutigen Welt nicht einfach zu erlangen und zu bewahren.
Für mich zählt aktives Zuhören zu den unterschätzten Fähigkeiten. Es verlangt Aufmerksamkeit (sich auf das Gegenüber einlassen), Empathie (sich in das Gegenüber hineinversetzen) und Konzentration (auf die Wortwahl und die Körpersprache des Gegenübers achten). Es fördert Respekt (du hörst mir zu), Verständnis (du verstehst mich) und Vertrauen (dir darf ich das sagen). Es schafft im Hörsaal eine Lernatmosphäre auf Augenhöhe, im Büro und auf dem Sportplatz einen starken Teamgeist und zu Hause einen Ort der Geborgenheit.
Moralische Ambition. Die Fähigkeit, Erfolg nicht über Gehalt oder Status zu definieren, sondern sich ambitioniert den grössten Problemen der Welt zu widmen und andere dafür zu begeistern. Oder wie es der niederländische Historiker Rutger Bregman formuliert: «Die grösste Verschwendung unserer Zeit ist die Vergeudung von Talent.»
Meiner Meinung nach wird die Merkfähigkeit heutzutage unterschätzt, weil sie in vielen Situationen – sowohl im beruflichen Umfeld als auch privat – «überflüssig» geworden ist. Viele Tools (Google, Notiz-Apps, Künstliche Intelligenz etc.) unterstützen uns beim Abrufen von Informationen, sodass diese nicht mehr von unserem Gehirn gespeichert werden müssen. Das Problem: Wissen, das man nachschlägt, funktioniert anders als Wissen, das wirklich gespeichert ist. Es verbindet sich nicht mit anderen Gedanken, es hilft nicht spontan im Gespräch und trägt nichts zu den eigenen Ideen bei. Wer sich nichts mehr merkt, denkt irgendwann auch nicht mehr selbstständig, sondern ruft nur noch ab.
Beitrag von
Seraina Zinsli, Redaktionsleiterin, Projektleiterin Strategische Kommunikation






