Vielfalt als Ausweg aus der digitalen Abhängigkeit
Diversität gilt oft als Stärke – ob in der Arbeitswelt, in der Forschung oder im gesellschaftlichen Zusammenleben. Im digitalen Alltag hingegen akzeptieren wir oft Monokulturen. Grosse US-Softwarefirmen und Cloud-Provider prägen heute, was auf fast jedem Desktop läuft. Dabei würde Vielfalt auf dem Desktop zu mehr Souveränität, verstärkter Resilienz und erhöhter Privatsphäre führen.
Text: Antonia Egli, Thomas Keller, Curdin Marxer / Bild: FH Graubünden
Täglich starren wir mit Argusaugen darauf – und doch schenken wir ihm wenig Beachtung: dem Rechner, dem wir unsere kostbaren Daten für Freizeit und Arbeit anvertrauen. Es sei denn, die Software oder Hardware versagt uns den Dienst. Dann fragen wir uns vielleicht, ob unsere Daten im hergebrachten System immer noch sicher aufgehoben sind. Doch sobald alles wieder wie gewohnt läuft, rücken diese Fragen wohl bei den meisten wieder in den Hintergrund.
Dürfen wir es uns so einfach machen? Die Welt hat sich im letzten Jahrzehnt stark gewandelt. Hybride Kriegsführung, Cyber-Erpressung, Angriffe auf Demokratien und die freie Meinungsäusserung, Handels- und Zollkriege sowie ein allgegenwärtiges Misstrauen gehören heute wieder zum politischen und gesellschaftlichen Vokabular. Über Jahrzehnte wurden die zunehmenden Abhängigkeiten von Energie, Lieferketten und Daten kaum hinterfragt. Erst seit diese Abhängigkeiten als Trumpfkarten im internationalen Machtpoker ausgespielt werden, ist auch einem breiten Teil der Bevölkerung bewusst geworden, wie verwundbar und erpressbar die moderne Gesellschaft geworden ist. Können wir persönlich dieser Entwicklung etwas entgegensetzen? Die Antwort lautet: zumindest teilweise. Zwar haben wir als Einzelne nur einen begrenzten Einfluss auf geopolitische Veränderungen, doch wir können mit unseren Entscheidungen diesen Trends gegensteuern und Eigenverantwortung übernehmen.
Ein Entscheid, viele Auswirkungen
Es mag sich anfühlen, als hätten wir kaum Einfluss darauf, was auf unseren Desktops landet: Der Arbeitgeber entscheidet, mit welchen Systemen ich arbeite, der Hersteller hat bereits Windows und Office vorinstalliert und auf dem MacBook läuft standardmässig macOS. Das mag den Eindruck erwecken, dass ich als Individuum nichts ändern kann.
Es stimmt zwar, dass wir bis zu einem gewissen Grad in einem technischen und gesellschaftlichen Korsett stecken, doch dieses Korsett ist bei Weitem nicht so eng geschnürt, wie es auf den ersten Blick scheint. Denn oft folgen wir bekannten Mustern, ohne sie bewusst zu hinterfragen. Habe ich vielleicht doch aus Gewohnheit einen Rechner mit macOS oder Windows gekauft? Wie wichtig waren mir die Auswirkungen auf meine Privatsphäre, als ich die neueste Social-Media-App installiert habe? Habe ich mich genügend nach einer freien und offenen Alternative, sei es nun eine Software oder eine Dienstleistung, umgesehen? Haben wir unsere Daten aus Bequemlichkeit in die Cloud synchronisiert, ohne zu hinterfragen, wer darauf Zugriff hat oder ob uns dieser Zugriff eines Tages verwehrt werden könnte?
Geschlossene Ökosysteme, offene Alternativen
Was früher ein lokales Betriebssystem war, ist heute das Eintrittstor in ein geschlossenes Ökosystem. Ohne Microsoft-Konto oder Apple-Cloud ist eine reibungslose Zusammenarbeit mit Kundschaft und Mitarbeitenden kaum mehr möglich. Der Rechner gehört zwar dem Nutzer oder der Nutzerin, ist aber ohne Registrierung kaum funktionsfähig. Das schafft starke Abhängigkeiten – und genau das ist von den Plattformanbietern gewollt: Alternativen sollen so unattraktiv wie möglich bleiben.
Angesichts der aktuellen geopolitischen Unsicherheiten haben selbst risikoscheue Institutionen einen Sinneswandel vollzogen: Das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein etwa setzt auf Linux auf dem Desktop, LibreOffice als Office365-Ersatz sowie Open-Xchange und Thunderbird anstatt Exchange und Outlook. Das Bundesland rechnet dabei mit jährlichen Einsparungen von rund 15 Millionen Euro an Lizenzkosten. Parallel dazu stellt Frankreich im Rahmen seiner Digitalstrategie Teile der Staatsverwaltung auf Linux-basierte Open-Source-Systeme um. Der gemeinsame Grundsatz dahinter ist klar: Steuergelder sollen Unabhängigkeit schaffen, nicht Abhängigkeiten zementieren.
Digitale Souveränität an Hochschulen
Was für Staaten gilt, sollte erst recht für Bildungsinstitutionen gelten: Wer den Berufsnachwuchs ausbildet, prägt nicht nur Kompetenzen, sondern auch Gewohnheiten – und damit die technologischen Abhängigkeiten von morgen. Im Gegensatz zur Privatwirtschaft und zur öffentlichen Verwaltung setzen Fachhochschulen, darunter auch die FH Graubünden, schon seit Langem punktuell und auch erfolgreich auf Open-Source-Software wie Linux-Server, Versionsverwaltung mit Git, Datenbanken wie MySQL oder PostgreSQL, Lernplattformen wie Moodle oder ILIAS, Programmiersprachen wie Python, C++, R sowie Entwicklungsumgebungen wie Eclipse oder Codium. Trotzdem wird in vielen Bereichen noch auf proprietäre Software gesetzt. Office365, Windows, Druckerinfrastruktur, CAD-, Adobe- oder Mathematik-Programme werden nach wie vor als Voraussetzung am Arbeitsplatz und im Studium angesehen. Vorlesungen, die nur Closed-Source-Produkte schulen, ohne den Studierenden aufzuzeigen, dass es auch freie Alternativen gibt, konditionieren sie darauf, in ihrer Karriere auf dieselben unfreien Produkte zu setzen. Dadurch werden die Studierenden weiterhin in die Abhängigkeit jener Konzerne gedrängt, die in den letzten Jahren mit explodierenden Lizenzkosten und dem Streben nach wirtschaftlicher Dominanz von sich reden gemacht haben.
Wie so oft im Leben: Es ist eine Risikoabwägung
Vielleicht sind uns diese Risiken egal – dann brauchen wir tatsächlich nichts zu ändern. Wer aber ein Risiko in der Abhängigkeit von einschnürenden Lizenzmodellen, intransparenten Cloudlösungen und neuerdings auch proprietären KI- und Sprachmodellen sieht, findet glücklicherweise viele Alternativen, die Datensouveränität garantieren, Vendor-Lock-in vermeiden und oft sogar kostenfrei sind.
Darum lohnt es sich, regelmässig über den Tellerrand zu schauen. Die Kriterien einer früheren Entscheidung bei der Softwareauswahl könnten sich aufgrund neuer Anforderungen, veränderter Schwerpunkte oder verfügbarer Alternativen längst verändert haben. Wir sollten unsere Werkzeuge gelegentlich hinterfragen, Bedürfnisse und Risiken realistisch abschätzen und neue Entwicklungen im Blick behalten. Denn Vielfalt beginnt nicht nur in Rechenzentren und mit staatlichen Cloudstrategien, sondern auf unserem eigenen Desktop.
Datenkompetenz für die Zukunft
Daten sind zu einer strategischen Ressource geworden. Ob Künstliche Intelligenz, Klimamodelle, Hochwasserprognosen oder industrielle Prozesse – die Fähigkeit, grosse Datenmengen zu analysieren, zu simulieren und daraus verlässliche Erkenntnisse zu gewinnen, wird immer wichtiger. Das Institut für Data Analysis, Artificial Intelligence, Visualization und Simulation DAViS bündelt Expertise in den Bereichen Datenanalyse, Künstliche Intelligenz, Machine Learning, Deep Learning, Datenvisualisierung und Hochleistungsrechnen. Gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft entwickelt das DAViS Lösungen für komplexe Fragestellungen und unterstützt Unternehmen und Organisationen dabei, das Potenzial ihrer Daten zu nutzen. So trägt das Institut dazu bei, digitale Kompetenzen und technologische Souveränität zu stärken.
Beitrag von
Antonia Egli, Wissenschaftliche Projektmitarbeiterin, Institut für Data Analysis, Artificial Intelligence, Visualization, and Simulation
Thomas Keller, Projektleiter, Institut für Data Analysis, Artificial Intelligence, Visualization, and Simulation
Curdin Marxer, Wissenschaftlicher Projektmitarbeiter, Institut für Data Analysis, Artificial Intelligence, Visualization, and Simulation