Vier Länder, vier Studierende, vier Geschichten

Vier Länder, vier Studierende, vier Geschichten

Vier Länder, vier Studierende, vier Geschichten

Vier Länder, vier Studierende, vier Geschichten

Unterschiedliche Sprachen, Kulturen und Bildungswege treffen an der FH Graubünden aufeinander und machen den Hochschulalltag vielfältiger. Vier Studierende aus vier verschiedenen Ländern erzählen, wie sie ihren Weg an die FH Graubünden gefunden haben, welche kulturellen und akademischen Unterschiede sie erleben und welche Herausforderungen und Erfahrungen ihr Studium in Graubünden prägen. 

Text: Anne-Marie Jäger-Stevenson / Bilder: zVg

Mark Hamann aus Deutschland

Mark studiert Medientechnik an der HAW Hamburg und verbrachte im Frühling ein Austauschsemester im Bachelorstudium Multimedia Production MMP in Chur. Neben den Studieninhalten habe ihn das multilinguale Mediensystem der Schweiz gereizt sowie die Möglichkeit, Zeit «umgeben von den ruhigen Bündner Alpen» zu verbringen. Überrascht habe ihn an der FH Graubünden vor allem der Studienalltag: «Das MMP-Studium ist deutlich ‹verschulter› als an meiner Heimathochschule», erzählt er. Gleichzeitig schätze er die enge Gemeinschaft: «Man kennt sich. Sowohl die Studierenden untereinander als auch die Dozierenden und Studierenden pflegen einen persönlichen Austausch.» Auch fachlich erlebt der 23-Jährige Unterschiede zu seinem Studium in Hamburg. Während dort technische Themen dominieren, liege der Fokus in Chur stärker auf kreativen und wirtschaftlichen Aspekten. «Das war zunächst schwierig», sagt er, da Denk- und Arbeitsweisen oft unterschiedlich seien. Im Umgang mit neuen Perspektiven versuche er deshalb offen zu bleiben: «Ich versuche zu verstehen, woher eine bestimmte Sichtweise kommt, bevor ich sie bewerte. Gerade in Projekten mit sehr unterschiedlichen fachlichen Hintergründen hilft es, die eigene Sichtweise kurz zurückzustellen und erst einmal zuzuhören.» Bewusst habe er für sein Austauschsemester einen Studiengang gewählt, der sich von seinem eigenen unterscheide – um neue Perspektiven zu gewinnen und den Umgang mit einer anderen Fachkultur zu trainieren. 

Sofiia Olenych aus der Ukraine

Die 20-Jährige lebt seit vier Jahren in der Schweiz und besucht derzeit das Brückenangebot für Geflüchtete im Fachbereich Architektur. Im Rahmen dieses Integrationsjahrs nimmt sie an Modulen des Bachelorstudiums Architektur teil und besucht zusätzlich einen akademischen Deutschkurs. Begleitet wird sie dabei von einem Job Coach sowie einer Betreuungsperson der FH Graubünden. In ihrem Studienalltag seien deutliche Unterschiede zwischen dem Bildungssystem der Schweiz und jenem der Ukraine zu spüren. An der FH Graubünden erlebe sie eine stark praxisorientierte Ausbildung. Im Gegensatz dazu seien die Universitäten in der Ukraine viel theoretischer ausgerichtet. Als besonders herausfordernd empfindet sie projektbasierte Aufgaben: «Man bekommt zwar eine grobe Vorstellung von der Aufgabe, muss jedoch selbst herausfinden, was genau erwartet wird.» In solchen Momenten sei der Austausch mit anderen Studierenden entscheidend. So könne sie Unsicherheiten klären und gemeinsam mit ihren Mitstudierenden Lösungen entwickeln. Generell legt sie grossen Wert auf Reflexion im Arbeitsprozess und hinterfragt regelmässig ihre eigene Arbeitsweise. Dabei ist sie überzeugt, dass unterschiedliche Denkweisen nicht per se besser oder schlechter sind, sondern vielmehr neue Perspektiven eröffnen können. «Wer lernt, Unterschiede nicht nur auszuhalten, sondern produktiv zu nutzen, gewinnt langfristig mehr als nur Fachwissen.»

Amirhossein Heiranian aus Iran

Amir befindet sich im letzten Jahr des englischsprachigen Bachelorstudiums Tourismus. Für den 23-Jährigen ist das Studium in der Schweiz weit mehr als nur der Erwerb eines Abschlusses. Da er aus dem Iran stammt, sieht er Bildung als Weg zu neuen Chancen und persönlicher Unabhängigkeit, die in seiner Heimat nur schwer zu erreichen gewesen wären. Er entschied sich für die FH Graubünden, weil er auf der Suche nach «einem Ort war, der eine hochwertige, praxisorientierte Ausbildung in einem stabilen und sicheren Umfeld bietet». Die Eingewöhnung in der Schweiz bedeutete für ihn auch, sich an eine ganz andere soziale Kultur anzupassen. Amir war fasziniert von den Unterschieden im zwischenmenschlichen Umgang. Mit Blick auf seine Erfahrungen im Iran erklärt er: «Durch den Umgang mit anderen Menschen tanken wir Energie. In der Schweiz hingegen stellte ich fest, dass das Bedürfnis nach persönlichem Freiraum und Grenzen viel grösser ist.» Was ihn jedoch am tiefsten beeindruckt habe, sei die intellektuelle Freiheit, die er in der Schweiz gefunden habe. «Der grösste Unterschied ist die absolute Gedanken- und Meinungsfreiheit», sagt er. Im Iran, so erklärt er, werde die Bildung streng überwacht und die Äusserung einer falschen Meinung könne gefährlich sein. «In der Schweiz jedoch wird kritisches Denken tatsächlich gefördert und belohnt.» Amirs Studium fand vor dem Hintergrund anhaltender Unruhen in seiner Heimat statt. Während seines Aufenthalts in der Schweiz wurde er Zeuge zweier Kriege im Iran, einschliesslich gewaltsamer Unterdrückungsmassnahmen und Internetsperren, was die Kommunikation mit seiner Familie extrem erschwerte. Diese Erfahrungen, so sagt er, hätten ihm eine sehr hohe Stress- und Krisentoleranz verliehen. Er gibt zu, dass es ihm manchmal schwerfällt, Verständnis für alltägliche Frustrationen in friedlicher Umgebung aufzubringen. Wenn Mitstudierende wegen Abgabeterminen oder Gruppenprojekten in Panik geraten, habe er gelernt, einfach nur zu beobachten, anstatt zu urteilen. «Ich habe akzeptiert, dass ihre Realität eine andere ist als meine.»

Mary Judith Verdejo aus den Philippinen

Mary Judith absolviert derzeit das Masterstudium Business Administration mit der Vertiefung Tourism and Change. Dieses englischsprachige Studium ist das internationalste Studienprogramm der FH Graubünden: Die Studierenden kommen aus zehn verschiedenen Ländern. Mary Judith empfindet die Arbeit in einer so internationalen Gruppe als bereichernd: «Ein und dasselbe Thema kann auf viele verschiedene Arten verstanden werden», erklärt sie, was das Lernen ganzheitlicher und spannender mache. Gleichzeitig räumt sie ein, dass Vielfalt auch Herausforderungen mit sich bringt. Unterschiede in den Kommunikationsstilen, im Zeitmanagement, in der Führungsweise und in den Erwartungen an die Teamarbeit können zu Missverständnissen führen. «Anfangs war alles etwas verwirrend», gibt sie zu. Mit der Zeit lernte sie jedoch, sich anzupassen, indem sie Fragen stellte, aufmerksamer zuhörte und der Annahme widerstand, dass ihr eigener Ansatz der einzig richtige sei. «Kommunikation ist der Schlüssel», sagt sie und fügt hinzu, dass die Zusammenarbeit einfacher wird, sobald sich Menschen die Zeit nehmen, einander zu verstehen. Während Bildung in ihrem Heimatland, den Philippinen, oft auf Vorlesungen und Prüfungen basiere, habe sie in der Schweiz ein eher diskussionsorientiertes und praxisnahes System kennengelernt. Durch Gruppenarbeiten, Präsentationen und den offenen Austausch sei sie aktiver geworden und traue sich nun schon eher, ihre Ideen zu äussern. Sie sehe in diesem inklusiven Lernumfeld eine Umgebung, die Studierende dazu ermutige, kritisch zu denken, verschiedene Perspektiven zu erkunden und sich effektiver auf die Herausforderungen der realen Welt vorzubereiten. 

Beitrag von

Anne-Marie Jäger-Stevenson, Projektleiterin International Relations Office