Aus Plastikmüll werden Häuser

Aus Plastikmüll werden Häuser

Aus Plastikmüll werden Häuser

Manchmal beginnt Veränderung mit einem Bild, das man nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Für FHGR-Alumna Laura Knecht war es der Anblick von Kindern, die in einem afrikanischen Dorf zwischen Plastikmüll spielten. Daraus entstand ihre Vision, aus Abfall Häuser zu bauen und damit Familien in Kenia ein neues Zuhause zu ermöglichen – eine Herzensaufgabe mit sozialem und ökologischem Anspruch.

Interview und Text: Kathrin Ott, Seraina Zinsli / Bilder: zVg

Schon als Kind war Laura Knecht fasziniert von den Geschichten eines Verwandten, der in Namibia beim Aufbau von Spitälern half. Afrika, das Engagement für andere Menschen, das Gefühl, etwas Konkretes bewirken zu können – all das hat sie nicht losgelassen. Jahre später, während einer Kenia-Reise, erlebte sie die Realität eines Dorfes, das mit Armut, fehlender Infrastruktur und vor allem massiven Mengen an Plastikmüll kämpfte. «Überall lag Plastikmüll herum. Kinder spielten daneben, Tiere frassen ihn und die Menschen verbrannten ihn. Das Absurde war: Alle hatten sich daran gewöhnt», erinnert sie sich. 

Plastik statt Gras: Die Tiere im Dorf sind täglich dem Abfall ausgesetzt.
Plastik statt Gras: Die Tiere im Dorf sind täglich dem Abfall ausgesetzt.

Ein Zuhause, das man mitnehmen kann

Ein paar Monate später, auf einer langen Autofahrt, entstand die zündende Idee: «Mein damaliger Partner und ich haben überlegt, was man mit all dem Plastik machen könnte. Und irgendwann sagte ich: Warum bauen wir daraus nicht Häuser?» Es gab zwar schon ähnliche Ansätze – etwa Projekte, die bewirken, dass Plastikmüll zu Pflastersteinen gepresst oder PET-Flaschen als Baumaterial verwendet werden. Doch Lauras Idee ging noch einen Schritt weiter: Aus Plastikmüll ein einfaches, robustes, bezahlbares Baumaterial herzustellen, mit dem Häuser gebaut – und bei Bedarf wieder abgebaut und woanders aufgestellt – werden können. «Das war für mich ein ganz wichtiger Punkt. Denn vielen Familien in Kenia gehört das Land, auf dem sie wohnen, nicht.» Wenn man diesen Familien also «normale» Häuer zur Verfügung stellen würde, ginge es nicht lange, bis die Grundbesitzer kämen und die Familien auffordern zu gehen. «Sie könnten das Haus in so einem Fall nicht behalten. Deshalb ist es entscheidend, dass sich das Haus abbauen und an einem neuen Ort wieder aufbauen lässt», betont sie.

Menschen, die anpacken: Laura Knecht und ihr Prokjektteam wollen etwas Echtes bewirken.

«Das Rezept dazu gehört uns» 

Zu Beginn arbeitete Laura mit einem deutschen Social Start-up zusammen, das ein nachhaltiges Verbundmaterial aus Plastikabfall und organischem Material entwickelte. Doch als dieser Partner plötzlich wegfiel, stand das Projekt kurz vor dem Aus. «Ich fragte mich damals: Warum mache ich das überhaupt? Ich hatte bereits genug zu tun: Studium, Masterarbeit, Privatleben. Das Kenia-Projekt war ja freiwillig.» Doch aufzugeben kam für Laura trotz allem nicht infrage.

Schliesslich fand sie eine Schweizer Firma, die bereits Recyclingplatten herstellte. «Diese Firma entwickelt aktuell ein neues Material für uns, das Holz ähnelt, aber aus recyceltem Kunststoff besteht. Der entscheidende Vorteil: Das Rezept dazu gehört uns.»

Lokale Einbindung statt Fremdbestimmung

Für Laura ist klar: Ein nachhaltiges Projekt funktioniert nur, wenn die Menschen vor Ort mit einbezogen werden. Dies ist mit ein Grund, weswegen das Material künftig direkt in Kenia produziert werden soll. «Wir wollen klein anfangen, im Dorf selbst. Die Leute sollen Plastik sammeln und dafür Grundnahrungsmittel wie Mehl oder Öl erhalten – kein Geld. Es geht darum, Anreize zu schaffen und gleichzeitig das Umweltbewusstsein zu fördern.» Was zunächst einfach klingt, hat seine Tücken – denn man stösst dabei auf kulturelle Herausforderungen. «Viele verstehen gar nicht, warum sie den Müll überhaupt sammeln sollen. Es gibt kein Bewusstsein für Recycling. Entsprechend fangen wir wirklich bei null an.» Denn was in der Schweiz selbstverständlich ist – Recycling, Abfalltrennung, saubere Strassen –, existiert in Schwellenländern wie Kenia kaum. In Workshops mit Schulkindern versuchen Laura und ihr Team deshalb, Grundlagenwissen über Abfalltrennung, Umweltschutz und den Wert von Materialien zu vermitteln.

Weil Nichtstun nichts verändert

Korruption, fehlendes Vertrauen, unzuverlässige Partner – die Hürden sind hoch. Trotzdem bleibt Laura optimistisch: «Wenn wir es nicht machen, wer macht es dann?» Ihr Masterstudium in Sustainable Business Development habe sie in ihrem Engagement bestärkt. In ihrer Masterarbeit beschäftigte sie sich mit den sogenannten Inner Development Goals (IDGs). Dabei geht es um Fähigkeiten und Werte, die Menschen befähigen sollen, nachhaltigen Wandel überhaupt erst zu ermöglichen. «Viele wissen, was sich ändern müsste. Aber sie wissen nicht wie. Die IDGs zeigen Wege auf, wie man Menschen zum Umdenken bewegen kann», erklärt sie. 

Für Laura schliesst sich damit der Kreis: Das Projekt in Kenia steht nicht nur für ökologischen Fortschritt, sondern auch für sozialen und persönlichen Wandel – bei den Menschen vor Ort, aber auch bei ihr selbst. «Ich will, dass etwas passiert», sagt sie. «Nicht, weil es schön klingt, sondern weil es möglich ist.»

3 Fragen an …

3 Fragen an …

Was ist die schönste Erinnerung, wenn du an deine Zeit an der FH Graubünden zurückdenkst?

Es gibt einige schöne Erinnerungen. Aber das Schönste an dieser Zeit bzw. an diesem Studiengang war, dass man nicht alleine war. Wir waren eine tolle Klasse, alle aus unterschiedlichen Bereichen, aber alle mit demselben Ziel: Wir möchten etwas verändern!

Was ist das grösste Learning, das du aus deiner Zeit als Studentin mitgenommen hast?

Nachhaltigkeit ist ein stetiger Prozess – er beginnt bei uns selbst. Ein Wandel gelingt nur, wenn wir alte Verhaltensmuster aufbrechen und uns neu orientieren bzw. neu denken. Jede Handlung führt zu einer Konsequenz; manchmal ist sie sichtbar, manchmal liegt sie tief verborgen.

Was ist dein Rat an die heutigen Studentinnen und Studenten?

Man muss nicht die perfekte Umweltaktivistin oder der perfekte Umweltaktivist sein, um etwas bewirken zu können. Fangt an, kleine Gewohnheiten zu verändern, und setzt diese neuen Verhaltensmuster konsequent um. 

Beitrag von

Kathrin Ott, Leiterin FHGR-Alumni

Seraina Zinsli, Redaktionsleiterin, Projektleiterin Hochschulkommunikation