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Vom Welschdörfli in den Kupferbau – ein Leben an der Fachhochschule
Vom Welschdörfli in den Kupferbau – ein Leben an der Fachhochschule

Vom Welschdörfli in den Kupferbau – ein Leben an der Fachhochschule

Im Keller eines Privathauses, auf einer Karosserie, in Laboratorien in Domat/Ems und St.Gallen oder in der Nachbarschaft einschlägiger Clubs: In der rund 60-jährigen Geschichte der Fachhochschule Graubünden wurde an den verschiedensten Orten studiert, geforscht und gearbeitet. Einer, der die Gebäudeodyssee der Fachhochschule fast von Anfang an und bis zu seiner Pensionierung miterlebt hat, ist Sepp Tschirky.

Text: Luzia Schmid / Bilder: Luzia Schmid, Sepp Tschirky

Es gab eine Zeit, da spielte sich das Leben von Sepp Tschirky praktisch unter einem Dach ab. Das war 1974. Zusammen mit seiner Frau Maria wohnte der damals 26-Jährige im fünften Stock des damaligen Neubaus Ringfeld bei der Theus AG in Chur. Ein Stockwerk darunter hatte sich das Abendtechnikum eingemietet. Die Räumlichkeiten bestanden aus zwei Unterrichtszimmern, einem Labor, einem Büro sowie einem kleinen Vorbereitungsraum. Tschirky war als erster vollamtlicher Assistent im Bereich der Elektro- und Nachrichtentechnik tätig und erst der vierte Mitarbeiter des Abendtechnikums. Neben ihm waren nur der Rektor, Otto Kreienbühl, sein Chef, Walter Steffen, sowie eine Sekretärin vollamtlich angestellt. Obwohl es schon damals rund 160 Studierende gab, waren die rund 70 anderen Lehrkräfte und Abteilungsleiter im Nebenamt tätig. «Wenn wir zusammen eine Kaffeepause machten, sass die ganze Belegschaft an einem Tisch», erzählt Tschirky. «Meine Frau brachte Kaffee und Gebäck aus unserer Wohnung.» Er habe in Hausschuhen zur Arbeit gehen können, erinnert sich der heute 74-Jährige schmunzelnd. In die gleiche Zeit fällt auch eine Anekdote, die Tschirky so schnell nicht wieder vergass. Es war an einem späten Abend, er wollte im Keller Wasser holen und bemerkte, dass der Lift nicht funktionierte. Da sei er zu Fuss hinuntergelaufen und plötzlich habe er Schreie gehört. «Ich realisierte, dass der Lift ganz unten im Haus aufgelaufen war, und es gelang mir, die Tür zu öffnen.» Studierende hatten sich nach dem Unterricht alle zusammen in die Kabine gedrückt. «Der Lift war total überladen, die jungen Leute standen da wie Sardinen in der Büchse», erzählt Tschirky. Dass er an diesem Abend seine Wohnung kurz verlassen habe, um in den Keller zu gehen, sei reiner Zufall gewesen.

Im Privatauto Labor und Schule gezügelt

Doch wie kam es dazu, dass der junge Assistent damals seinen privaten und beruflichen Lebensmittelpunkt unter einem Dach hatte? Das Abendtechnikum verfügte bis dahin über keine eigenen Schulräume. Der Unterricht und die Laborübungen fanden über die ganze Stadt verteilt in Schulzimmern anderer Schulen statt, etwa im Nikolai-, Graben- oder Quaderschulhaus, in der Kantonsschule, im Keller eines Privathauses an der Oberalpstrasse, im kantonalen Labor und in den Laboratorien der damaligen Emser Werke oder in einem Haus im Welschdörfli. Tschirky selbst hatte am Abendtechnikum Elektrotechnik studiert. «Wir hatten praktisch jeden Abend an einem anderen Ort Unterricht.» Kurz vor Abschluss seines Studiums begann er, als erster Assistent beim Abendtechnikum zu arbeiten. Im gleichen Jahr, 1972, wurde das Abendtechnikum vom Bund als Höhere Technische Lehranstalt (HTL) anerkannt. Oberhalb der Felsenbar hatte die Abteilung Elektro- und Nachrichtentechnik einen Unterrichtsraum, ein Labor und ein Büro eingerichtet. «Das war mein erster Arbeitsplatz», erzählt Tschirky. Er erinnert sich auch daran, dass es unten auf der Strasse immer mal wieder «geklöpft» habe und dass sie bereits als Studenten im Hotel gegenüber Dinge gesehen hätten, «die nicht für uns bestimmt waren».
Als klar wurde, dass die Schule an der Ringstrasse bei der Theus AG Räume beziehen konnte, habe er sich informiert, ob es da nicht auch Platz für ihn und seine frisch vermählte Frau hätte. So sei es zur «perfekten Lösung unter einem Dach» gekommen. Den Umzug des Labors und der Unterrichtszimmer hätten er und sein Chef grösstenteils mit ihren Privatautos bewältigt. «Wir waren wie ein Familienbetrieb», schwärmt Tschirky. Der Rektor, das Sekretariat und die Bibliothek befanden sich zu jener Zeit noch in der Gewerbeschule. «Die Bibliothek bestand aus einer einzigen Büchergestellwand und auch der einzige Umdrucker stand in diesem Raum.»

Wie ein eigenes Kind

In den folgenden Jahren wuchs die Schule weiter: Im Gebäude bei der Karosserie Theus konnten weitere Stockwerke übernommen werden und der Besitzer baute 1983 oberhalb der Werkstatthalle schliesslich sogar zehn Schul- und Laborräume für die HTL. Doch immer noch waren die Platzverhältnisse eng und man musste auf andere Schulhäuser ausweichen. Tschirky hatte 1974 begonnen, Mathematik zu unterrichten. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, hatte er als Fachhörer an der ETH Zürich ein zweijähriges Studium absolviert. «Nach der Lehre hatte ich mir geschworen, nie mehr an eine Schule zu gehen, und plötzlich war ich selbst Lehrer», lacht Tschirky. Und es sollte erst der Anfang einer langjährigen Karriere an der Fachhochschule sein, die bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2010 dauerte, die letzten Jahre sogar in der Funktion des Prorektors. Es entwickelte sich eine tiefe Verbundenheit mit der Schule. «Sie war mein Geschäft, mein Familienbetrieb, wie mein eigenes Kind», sagt er noch heute. Als Ende der Achtzigerjahre der Beschluss gefasst wurde, an der Ecke Pulvermühle-/Ringstrasse ein eigenes Schulhaus zu bauen, war das für den damaligen Dozenten wie «die Planung für ein neues Zuhause».

Keinen Luxuspalast aufstellen

Tschirky war als Mitglied der Baukommission bei der Planung des heutigen Hauptstandorts dabei. «Das war eine spannende Zeit.» Man sprach über Schulzimmergrössen, Inventar und Wandtafeln und besichtigte andere Schulen, um zu schauen, wie diese eingerichtet waren. Das Siegerprojekt der Architekten Jüngling und Hagmann habe vor allem durch die beiden Trakte für die Labor- und Unterrichtsräume sowie den grosszügigen Mittelteil mit der Aula überzeugt. «Die langen Gänge mit Sicht auf den Calanda und die Stadt waren den Architekten sehr wichtig.» Für ihn sei es eine «Riesenfreude» gewesen, endlich ein «eigenes» Schulhaus zu erhalten. Gleichzeitig habe man grossen Wert auf die Kosten gelegt, Sparen sei der Grundgedanke gewesen. «Eigentlich bauten wir zu klein, aber wir wollten keinen Luxuspalast aufstellen.» So gibt es bis heute beispielsweise nur im Parterre des Kupferbaus Toiletten. Das erstellte Gebäude war denn auch wesentlich billiger als der Kostenvoranschlag. «Immer wieder angesprochen wurde ich auf die zu kleinen Lifte», sagt Tschirky. Dies sei leider ein Planungsfehler gewesen. Die Unterrichtstische haben auch heute nur Platz darin, wenn man sie hochkant hineinstellt. Angepasst werden musste die Eingangstür. Diese war von den Architekten als schwere Metalltür konzipiert worden. «Meine zierliche Frau – die an der Fachhochschule in der Bibliothek arbeitete – konnte sie kaum öffnen», erzählt Tschirky. Und auch er habe dafür sein ganzes Gewicht einsetzen müssen. Worüber Tschirky heute immer noch staunt: Wie rasch der Kupferbau damals realisiert wurde. Im November 1991 begannen die Bauarbeiten, ein Jahr später feierte man schon das Richtfest und im Sommer 1993 startete der Studienbetrieb.
«Die Fachhochschule ist aktuell ja immer noch an verschiedenen Standorten ziemlich verzettelt», sagt Tschirky zum Schluss. Er freue sich deshalb sehr darüber, dass abermals ein neues Zentrum geplant sei. «Für das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Identifikation mit der Hochschule ist das sehr wichtig», sagt er, «das weiss ich aus eigener Erfahrung.»

Über Sepp Tschirky
Sepp Tschirky absolvierte eine Lehre als Fernmelde- und Elektronikapparatemonteur. Danach studierte er Elektrotechnik am damaligen Abendtechnikum Chur und schloss sein Studium 1973 ab. Schon ein halbes Jahr vorher wurde er als erster Assistent des Abendtechnikums engagiert. Kurz darauf unterrichtete er dort Mathematik. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, absolvierte er als Fachhörer an der ETH Zürich ein zweijähriges Studium. Nach fast drei Jahrzehnten Unterrichtstätigkeit wurde er 2002 als Prorektor in die Hochschulleitung berufen. 2010 wurde er pensioniert. Er ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Söhnen.

Beitrag von

Luzia Schmid, Redaktionsleiterin, Projektleiterin Hochschulkommunikation