Wissensplatz Die Architektur des neuen Campus - FH Graubünden

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An der Pulvermühlestrasse in Chur entsteht das neue Fachhochschulzentrum Graubünden. Das bekannte kupferne Hauptgebäude wird durch einen Neubau auf der gegenüberliegenden Strassenseite ergänzt, wo auch das bestehende Schaltgebäude mit neuer Nutzung in den zukünftigen Campus miteinbezogen wird. Das aus dem Wettbewerb hervorgegangene Siegerprojekt «Partenaris» von Giuliani Hönger Architekten überzeugt unter anderem auch durch den grosszügigen Campusplatz – als öffentlichen Aussenbereich, Erschliessung zu allen Hochschulgebäuden und Treffpunkt für Studierende, Dozierende, Forschende und die Bevölkerung.

Text: Noëlle Bottoni, Christian Auer / Bilder: Giuliani Hönger Architekten

Städtebau und Freiräume

Der Projektperimeter für das neue Fachhochschulzentrum befindet sich direkt an der Pulvermühle­strasse und wird durch diese zweigeteilt. Dabei ist der südliche Bereich bereits durch das bestehende Gebäude der Architekten Jüngling und Hagmann und den angrenzenden Landschaftsraum mit Mühlbach geprägt. Auf der gegenüberliegenden Seite ist die Parzelle von grösseren Industriebauten, einer ehemaligen Schaltstation mit Wohnhaus und dem zugehörigen Transformatorenturm umgeben.

Das städtebauliche Konzept des neuen Zentrums sieht auf dieser Seite ein würdiges Gegenüber für das bestehende Hochschulgebäude vor: einen viergeschossigen, U-förmigen Baukörper mit zentraler Eingangshalle, der mit seinem typologischen Aufbau den «grossen Bruder» zum bestehenden Hauptgebäude bilden soll. Dadurch wird eine eindeutige Hauptadresse für das neue Fachhochschulzentrum geschaffen. Indem der Ostflügel dieses Neubaus sich bis zur Pulvermühlestrasse erstreckt, entsteht zum bestehenden Schaltgebäude hin ein grosszügiger Platz, der den neugenutzten Bestand miteinbezieht, sich aber auch zum gegenüberliegenden Landschaftsraum hin öffnet. Der Campusplatz wird zum neuen «Gesicht» der Fachhochschule und erschliesst alle Hochschulbauten gleichwertig: den Neubau, das bestehende Hauptgebäude an der Pulvermühlestrasse 57 sowie das ins Zentrum integrierte Schaltgebäude. Der grosse Hochschulplatz verleiht dem Ort eine angemessene Öffentlichkeit und ist Treffpunkt, Aufenthaltsort und «Bühne» für die Hochschule.

Damit das neue Fachhochschulzentrum auch Teil des Quartiers wird, soll es über ein feinmaschiges Fusswegnetz und den regionalen Radweg zugänglich und mit öffentlichen Verkehrsmitteln bestens zu erreichen sein. Die Aussenräume der Hochschulareale nördlich und südlich der Strasse sind dabei unterschiedlich charakterisiert: Die Freiräume zum Bestandsgebäude besitzen unter Einbezug der öffentlichen Grünzone eine stark landschaftliche Prägung, während die Freiräume zum Neubau urbaner gestaltet sind.

Typologie und Nutzungsverteilung

Der markante Neubau weist eine dreiteilige Gliederung in Ost-West-Richtung auf und bildet damit eine freie Interpretation des ebenfalls dreiteilig gegliederten bestehenden Fachhochschulgebäudes. Die beiden Seitenflügel sind mit atriumartigen Lichthöfen ausgebildet und umfassen eine zentrale Eingangshalle mit darüberliegendem Aussenhof. Die Lichthöfe selbst sind das Zentrum für die horizontalen Erschliessungen sowie alle Ebenen und Decks mit Lounges, Studierendenarbeitsplätzen, Gruppen- und Sitzungsräumen bis ins 1. Untergeschoss. In beiden Flügeln sind jeweils zwei Erschliessungskerne so angeordnet, dass alle Flucht- und Rettungswege zugänglich sind und die Entfluchtung sichergestellt ist. Treppen dienen zur einfachen Orientierung und Navigierung im Gebäude und sind gemeinsam mit den angrenzenden Kommunikationsbereichen gleichzeitig Begegnungsort für Studierende, Dozierende, Forschende und Wirtschaftspartner.

Die Tiefen der Gebäudeflügel ermöglichen eine flexible Anordnung der Seminarräume, Büros und Labore in den Geschossen. Auch die gleichen lichten Raumhöhen der beiden ersten Obergeschosse bieten grösstmögliche Flexibilität hinsichtlich der Nutzungsanordnung. Dadurch entsteht eine breite Durchmischung von unterschiedlichen Nutzungen – verteilt über alle Geschosse im Neubau. Die gemischte Nutzungsverteilung fördert den interdisziplinären Austausch und ermöglicht auch zukünftige räumliche Anpassungen und Veränderungen.

Vom Campusplatz gelangt man direkt in die Eingangshalle des Neubaus; diese ist als zentraler öffentlicher Raum zwischen West- und Ostflügel so gestaltet, dass sie als Zugang zum Empfang, zur Mensa, zu den grossen Multifunktionsräumen und den Treppenaufgängen zu den Seminarräumen fungiert, aber auch als Foyer oder als Ausstellungsraum dient. Dank dieser Anordnung können hier bei Bedarf externe Anlässe unabhängig vom internen Betrieb der Fachhochschule stattfinden. Neben dem Eingangsbereich befinden sich zwei grössere multifunktionale Räume für Vorlesungen und Veranstaltungen; diese können im Bedarfsfall mit dem Verpflegungsbereich der Mensa zusammengeschaltet werden, sodass ein grosser Saal für rund 1000 Personen entsteht. Damit dieser Raum stützenfrei gestaltet sein kann, werden im Lichthof des Westflügels zwei Fachwerkträger mit einer Spannweite von 35 Metern über insgesamt drei Geschosse gespannt und die Geschossdecken daran aufgehängt. Vom Foyer aus führt eine breite Treppe ins 1. Untergeschoss, wo dank des grosszügigen Lichthofs weitere Hauptnutzungen platziert werden können, was das sichtbare oberirdische Volumen reduziert.

Im Kopfbau des vorstehenden Gebäudeflügels, direkt angegliedert an den grosszügigen Campusplatz, findet die Bibliothek ihren Platz. Als öffentlich nutzbare Institution stellt sie eine Verbindung zur Gesellschaft dar und weist eine hohe Visibilität und Transparenz auf. Sie kann unabhängig vom Hochschulbetrieb funktionieren und beherbergt nebst den bekannten Freihandbereichen auch zahlreiche Arbeitsplätze für Studierende.

Tragwerk und Konstruktion

Das Tragwerkkonzept und die Konstruktion des Neubaus erfolgen nach dem einfachen Prinzip, jedes Material zu dem Zweck und an dem Ort einzusetzen, wo es am leistungsfähigsten und nachhaltigsten ist. Aus dieser Logik resultiert ein moderner Hybridbau, welcher auch nachhaltige Aspekte der Grauenergie oder des Rückbaus optimal berücksichtigt.

Aufbauend auf einem Grundraster von 5,80 Metern in Längsrichtung und 10,90 – 7,70 – 10,90 Metern in Querrichtung, kann die beschriebene hohe Nutzungsflexibilität des Neubaus erreicht werden. Das Tragwerk der Untergeschosse mit Bodenplatte, Stützen und Decken ist aufgrund der Anforderungen in Recyclingbeton ausgebildet, wobei die Stützen vorgefertigt sind. Ebenfalls in Beton ausgeführt sind die Erschliessungskerne, welche die Vertikal- und Horizontalkräfte des grossen Gebäudes übernehmen. Ab dem Erdgeschoss wird das Tragwerk als nachhaltiger und verhältnismässig leichter Skelettbau aus Holz und Beton im Verbund erstellt. Die Holzstützen des Erd- und der Obergeschosse sind für die hohen Druckkräfte in Laubholz ausgebildet. Die Hauptträger in vorfabriziertem Beton sind jeweils quer zum Gebäude gespannt, während die Deckenfelder mit einheimischen Massivholzträgern ausgebildet sind. Die Lüftungserschliessung wird konsequent auf diese Grundkonzeption des Tragwerks abgestimmt, um Querungen der Hauptträger zu verhindern. Alle Lasten – mit Ausnahme jener der Multifunktionsräume – können direkt bis in die Fundation abgetragen werden. Effiziente Holz-Beton-Verbunddecken bieten den Vorteil, dass alle verwendeten Materialien ihren mechanischen Eigenschaften entsprechend eingesetzt werden, was zu einem ressourcenschonenden, nachhaltigen Bauen beiträgt. Es sollen hohe Nachhaltigkeitsniveaus erreicht werden.

Architektonische Erscheinung

Die architektonische Erscheinung des Neubaus ist weniger durch das Abbild einzelner Funktionen als vielmehr durch die Gliederung und Fügung der konstruktiven Elemente der Tragstruktur, der Architektur und der Sekundärelemente geprägt. Diese werden so ausgebildet, dass sie eine hohe Nutzungsflexibilität schaffen, zugleich aber eine eigenständige gestalterische Qualität aufweisen. Der Ausdruck des Neubaus wird also nicht nur vom Tragwerk, sondern auch von den Vertikalschächten der Lüftung, den Fenstern, den Brüstungen und den Photovoltaik-Vordächern bestimmt. Dabei bestehen die Fassaden aus geschosshohen, vorgefertigten Holzelementen, welche die Holzfenster, die gedämmten Brüstungen und die nach aussen hinterlüfteten Bekleidungen aus Holz inkludieren. Die Vordächer mit integrierten Photovoltaik-Elementen werden auf Brüstungshöhe und am Dachrand angeordnet und dienen zugleich als konstruktiver Sonnen- und Witterungsschutz. Die vertikalen Pfeiler entsprechen dem für den Holzbau idealen Tragraster; die Pfeilerbreiten werden durch die gedämmten Kanäle der Zuluft bestimmt. Diese vertikale Struktur wird durch die horizontale Schichtung der Geschosse und die horizontalen Vordächer überlagert. Die Holzfenster erscheinen als Füllungen zwischen den Pfeilern und können pro Geschoss differenziert werden. Im Erdgeschoss sind die Fenster nahezu raumhoch, in den Obergeschossen sind Brüstungen und schmale Lüftungsflügel vorgesehen.

Auch in den Innenräumen sollen Tragwerk, Haustechnik und Flächenelemente soweit sinnvoll sichtbar sein und den architektonischen Charakter prägen. In der Eingangshalle und im Foyer überspannen Betonrahmen die 15 Meter. Seitliche Oblichter rhythmisieren den Raum und symbolisieren das Hängen des Lichthofs. In Querrichtung spannt entsprechend dem Tragwerkkonzept wiederum Holz, in diesem Fall eine Brettstapeldecke. Ergänzt wird die Struktur durch die Füllungen der Türen sowie durch verglaste Oberlichter oder verglaste Wände. Die Deckenuntersichten der Räume sind architektonisch durch die Betonträger, die Holzbalkendecke und die dazwischen angeordneten Deckenelemente und Beleuchtungsbänder bestimmt.

Die beiden Lichthöfe werden durch das besondere Tragwerk und die mehrgeschossige Raumstruktur charakterisiert. Das Fachwerk und die konstruktiven Elemente der Druckstäbe, Zugstützen und Gelenke sind Teil der Raumgestaltung und veranschaulichen gestalterisch das Potenzial des Tragwerks in didaktischer Form.

Transformation der bestehenden Bauten

Das Fachhochschulzentrum schliesst nebst dem Neubau auch die bereits bestehenden Bauten mit ein, welche im Zuge der Campuserstellung ebenfalls umgebaut werden.

Das heutige Hauptgebäude mit der markanten Kupferverkleidung wird in seinem Erscheinungsbild sowie seiner Struktur und Nutzung weitestgehend erhalten. Eine westseitige Öffnung hin zur Parklandschaft und die Neunutzung der Flächen der heutigen Bibliothek und Mensa sind die wesentlichen Veränderungen. Der Haupteingriff besteht in der Gesamtsanierung der Gebäudehülle und Gebäudetechnik. Durch die energetischen Anpassungen und den Einbau einer Lüftung in die Fassade kann der Minergie-Standard erreicht werden.

Den westlichen Abschluss des Campusgeländes bildet das schräg zur Strasse gestellte ehemalige Schaltgebäude der Elektrizitätswerke Zürich samt Wohnhaus und dazugehörigem Trafoturm direkt an der Pulvermühlestrasse. Das Schaltgebäude mit dem Gartenbereich wird zugunsten der Studierenden und Mitarbeitenden ausgebaut. Dieser Gebäudekomplex ist denkmalgeschützt, weswegen lediglich geringe Veränderungen an der Aussenhülle und der Struktur erlaubt sind. Für die sinnvolle Nutzung des Trafoturms sind noch Ideen gefragt …

Beitrag von

Nöelle Bottoni, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Bauen im alpinen Raum

Prof. Christian Auer, Studienleiter, Institut für Bauen im alpinen Raum