Wissensplatz Ökologischer Fussabdruck - FH Graubünden

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Der ökologische Fussabdruck der Fachhochschule Graubünden
Der ökologische Fussabdruck der Fachhochschule Graubünden

Der ökologische Fussabdruck der Fachhochschule Graubünden

Die höchste Umweltbelastung der FH Graubünden verursacht das Auto. Etwa die Hälfte der Mitarbeitenden und ein Fünftel der Studierenden sind damit unterwegs. 60 Prozent der Gesamtemissionen der Fachhochschule entstehen durch die Mobilität. Einen erstaunlich kleinen Anteil machen Abfall, IT, Verpflegung und Strom aus. Die Nachhaltigkeitsbeauftragte Livia Somerville hat den ökologischen Fussabdruck der Fachhochschule untersucht.

Text: Livia Somerville / Bilder: FH Graubünden

Spätestens mit der Verabschiedung des Pariser Klimaabkommens durch die Staatengemeinschaft der Vereinten Nationen ist es auch für die Schweiz amtlich, welchen Beitrag sie zur Eindämmung des Klimawandels leisten soll. Der Kanton Graubünden hat seinen eigenen Green Deal verabschiedet. Das Ziel ist die Klimaneutralität bis 2050. Als Nachhaltigkeitsbeauftragte der Fachhochschule Graubünden hat das bei mir Fragen ausgelöst. Wie weit ist die FH Graubünden von der Klimaneutralität entfernt? Welche Umweltaspekte sind relevant und welche (zunächst noch) vernachlässigbar? Bei rund 300 Mitarbeitenden und 2500 Studierenden entstehen im Hochschulbetrieb tägliche Emissionen, wie zum Beispiel durch die allgemeine Reisetätigkeit und Mobilität, den Energieverbrauch, den Lebensmittel-, Wasser- und Papierverbrauch sowie verschiedene Arten von Abfällen. Durch diese Aktivitäten werden Treibhausgase wie Kohlenstoffdioxid, Methan und Stickoxid freigesetzt. Diese können nicht durch natürliche Kreisläufe abgebaut werden und führen zum Treibhauseffekt, der seit der Industrialisierung schrittweise, doch kontinuierlich zur Erhöhung der Temperaturen und zur Klimaveränderung führt. Des Weiteren kommt der FH Graubünden im Rahmen ihrer Ausbildungstätigkeit für künftige Fach- und Führungskräfte die Verantwortung einer Vorbildfunktion zu. Aus diesen Gründen sollten die Umweltauswirkungen der FH Graubünden bei der Ausarbeitung des Green Deals nicht vernachlässigt werden.

Diese Ausgangslage hat mich motiviert, die erste Ökobilanz der FH Graubünden zu erstellen. Eine Ökobilanzierung ist eine systematische Analyse der Wirkung aller Aktivitäten und Prozesse auf die Umwelt. Ziel war es, dadurch die ökologischen Hotspots – also die Bereiche der Fachhochschule mit verhältnismässig grossen Umweltauswirkungen – aufzudecken. Das ist der erste wichtige Schritt für eine Entwicklung der FH Graubünden in Richtung Klimaneutralität. Denn ohne eine Baseline werden wir nie wissen können, wie weit die Fachhochschule von der kantonal angestrebten Klimaneutralität (noch) entfernt ist.

Corona schafft neue Ausgangslage

Die Massnahmen, die im Zusammenhang mit der Eindämmung der Infektionskrankheit COVID-19 ergriffen wurden, führten – wenig überraschend – zu einer erheblichen Beeinträchtigung des Hochschulalltags: Gebäude standen plötzlich leer, es gab praktisch keinen Pendelverkehr zu und von den Hochschularealen mehr und Dienstleistungen wie die Gastronomie wurden nicht mehr angeboten. Ausserdem machten die auferlegten Reisebeschränkungen Dienstreisen und Exkursionen unmöglich. Die Pandemie hatte eine noch nie dagewesene Ausgangslage geschaffen. Ich wollte diese Chance nutzen, um die Emissionen der FH Graubünden und deren Ursprünge besser zu verstehen, und so setzte ich mir das Ziel, das reguläre Betriebsjahr 2019 mit dem unregelmässigen Betriebsjahr 2020 zu vergleichen. Das nötige Werkzeug dafür hatte ich mir im Zuge meiner Forschungstätigkeit als Masterstudentin in der Forschungsgruppe «Ökobilanzierung» der Zürcher Fachhochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW angeeignet. Die anstehende Masterarbeit war somit die optimale Gelegenheit, mich vertieft mit den Emissionen der FH Graubünden auseinanderzusetzen.

In einem ersten Schritt – einem der wichtigsten Schritte überhaupt – analysierte ich, was zum System der FH Graubünden gehört. Die Literatur und diverse internationale Standards wie z. B. das Greenhouse Gas Protocol bieten unzählige Handlungsanleitungen, vor allem um die Seriosität und Vergleichbarkeit sicherzustellen. Trotz dieser Vorgaben gibt es Graubereiche. Das sind vor allem umweltbelastende Aktivitäten, die nicht direkt im Betrieb selbst entstehen, sondern über vorgelagerte Wertschöpfungsketten durch den Zukauf von Produkten, Infrastrukturen und Dienstleistungen seitens der Fachhochschule indirekt verursacht werden. Ein Beispiel hierfür ist die Verpflegung, die von einem externen Anbieter bereitgestellt wird. Es stellt sich somit die Frage, wie viel Verantwortung der FH Graubünden hierbei zukommt. Im Fachjargon werden solche Umweltauswirkungen «Scope-3-Emissionen» genannt; sie sind in ihrer Relevanz nicht zu unterschätzen. An der FH Graubünden machen sie nämlich über 90 Prozent der gesamten Umweltbelastung aus. Einfacher ist die Erfassung von direkten Umweltbelastungen, beispielsweise die Entweichung von Treibhausgasen beim Verfeuern fossiler Brennstoffe – zum Beispiel beim Heizen im gasbetriebenen Blockheizkraftwerk. Folglich musste ich pragmatische Entscheidungen treffen: Bis wohin steht die FH Graubünden in der Verantwortung? Wo muss ich die Grenzen bei der Ökobilanzierung ziehen? Ich habe mich hierfür auch an den Praktiken anderer Hochschulen orientiert.

Schlussendlich habe ich für folgende Aktivitätsbereiche und die dazugehörigen Unterkategorien Verbrauchsdaten erhoben: Wasser, Energie, IT & Papier, Mobilität, Verpflegung und Abfall. Die Mobilität umfasst nebst den Geschäftsreisen auch den Pendelverkehr der Mitarbeitenden und Studierenden. Ich habe erhoben, welche Distanzen die Mitarbeitenden und Studierenden zurücklegen und mit welchem Transportmittel sie das tun. Anschliessend habe ich für alle Bereiche geeignete Emissionsdaten in der Literatur ermittelt und mithilfe eines Programms zu einem Modell zusammengeführt.

Die Mobilität ist mit einem Anteil von 60 Prozent an den Gesamtemissionen der umweltrelevanteste Bereich.

Pendelverkehr als Hauptverursacher

Die Ergebnisse 2019 sind unmissverständlich: Die Mobilität, insbesondere der Pendelverkehr der Mitarbeitenden und Studierenden, ist mit einem Anteil von 60 Prozent an den Gesamtemissionen der umweltrelevanteste Bereich. Die höchste Umweltbelastung verursacht dabei das Auto, mit dem etwa die Hälfte der Mitarbeitenden und ein Fünftel der Studierenden unterwegs sind. Ihre Fahrten belasten die Umwelt mindestens fünfmal so stark wie die gleiche Strecke mit dem öffentlichen Verkehr. Die FH Graubünden zieht aufgrund ihrer Nischenstrategie Studierende aus der ganzen Schweiz an. Deshalb sind die zurückgelegten Distanzen gross. Es gibt achtmal mehr Studierende als Mitarbeitende; deshalb wirkt sich das Mobilitätsverhalten der Studierenden auch stärker auf die Ökobilanz aus. Dienstreisen machen einen Anteil von zehn Prozent aus.

An zweiter Stelle folgt die Wärmeversorgung, die neun Prozent des Gesamtausstosses klimaschädlicher Gase der FH Graubünden ausmacht. Das ist der Verwendung von fossilen Energieträgern, allen voran Gas, geschuldet. Grosses Potenzial liegt im geplanten Fachhochschulzentrum, das uns dank technologischem Fortschritt und erneuerbaren Energien künftig von dieser relevanten Umweltbelastung entlasten wird.

Abfall, IT & Papier, Verpflegung und Strom machen einen erstaunlich kleinen Anteil von weniger als fünf Prozent aus. Die Verpflegung wirkt sich so gering auf die Umwelt aus, weil bei der Ökobilanz nur die Mensen berücksichtigt wurden und viele Angehörige der Fachhochschule sich auswärts verpflegen. Ihren Strom bezieht die FH Graubünden über Zertifikate beim Wasserkraftwerk Sand in Chur; deshalb ist dieser Aktivitätsbereich besonders emissionsarm. Im Jahr 2019 war die FH Graubünden noch 2572 Tonnen CO2-Äquivalent von der Klimaneutralität entfernt.

Rückgang um 60 Prozent «dank» Pandemie

Im Jahr 2020 gingen die Emissionen um 60 Prozent auf ein Treibhausgaspotenzial von 1075 Tonnen CO2-Äquivalent zurück, was vor allem dem Rückgang der Mobilität um rund zwei Drittel zuzuschreiben ist. Interessanterweise sank der Energieverbrauch zur Beheizung der Gebäude nicht, obwohl diese während mehr als der Hälfte des Jahres komplett leer standen. Die Emissionen durch den Stromverbrauch gingen um etwa 20 Prozent zurück. Man könnte argumentieren, dass Stromverbrauch, Abfall, Papier- und Wasserverbrauch sowie die Verpflegung zumindest teilweise von der FH Graubünden in die Haushalte der Studierenden und Mitarbeitenden verlagert worden waren, während der Pendel- und Dienstreiseverkehr während des Lockdowns tatsächlich massiv eingeschränkt wurde.

 

Im Jahr 2020 gingen die Emissionen aufgrund der Corona-Pandemie um 60 Prozent zurück. was vor allem dem Rückgang der Mobilität geschuldet ist.

Mit allen Vor- und Nachteilen, die das Homeoffice mit sich bringt – es hat sich auch an der FH Graubünden gezeigt: Für die Umwelt sind die Auswirkungen positiv. Mit dem Effekt der teils unfreiwillig erfahrenen Vorteile durch die Pandemie bietet es sich an, über das Homeoffice eine Reduktion des motorisierten Individualverkehrs zu erzielen. Wenn diese Optimierung erreicht ist, kann geprüft werden, ob die Fachhochschule die Anreize für eine emissionsarme Mobilität richtig setzt. An Ideen mangelt es nicht. Oft angewendet werden ökonomische Anreize, zum Beispiel die Nutzungsförderung des öffentlichen Verkehrs über die Bepreisung von Parkplätzen. Komplexere Initiativen beinhalten beispielsweise eine verbesserte und sichere(re) Veloführung. Hier wird deutlich: Nicht alles liegt in der Hand der Fachhochschule. Um solche Reduktionen der Umweltbelastung und deren anschliessende Optimierung maximal auszuschöpfen, muss über die Nutzfläche diskutiert werden. Die Digitalisierung bietet die Chance, die Auslastung der Nutzfläche zu erhöhen, um langfristig weniger Fläche zu beanspruchen.

Mit der nun bezifferten Entfernung zur Klimaneutralität ist die Ausgangslage für die FH Graubünden geschaffen worden. Nun liegt es an der Fachhochschulgemeinschaft, den Weg dorthin – mit Unterstützung des Green Deals – mit all den dabei entstehenden Zielkonflikten auszuhandeln.

Beitrag von

Livia Somerville, Nachhaltigkeitsbeauftragte, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Departement Entwicklung im alpinen Raum