Die Surselva als Chancenregion der Zukunft

Die Surselva als Chancenregion der Zukunft

Die Surselva als Chancenregion der Zukunft

Mit knapp 22 000 Einwohnerinnen und Einwohnern hat die Surselva mit ihren zahlreichen Tälern und dem Bezirkshauptort Ilanz/Glion kaum mehr Menschen als eine durchschnittliche Kleinstadt im Schweizer Mittelland. Doch gerade diese periphere Lage mit geringerem Siedlungsdruck erweist sich als fruchtbarer Boden für spannende Impulse und innovative Lösungen. 

Text: Daniel Näf / Bild: FH Graubünden

Die FH Graubünden stärkt ihre Zusammenarbeit mit den Regionen des Kantons, um deren nachhaltige Entwicklung aktiv zu unterstützen. Die drei Reallabore Prättigau/Davos Lab, San Bernardino Lab und Surselva Lab fungieren als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis. Sie vernetzen Forschende und Studierende mit den Regionen, ihrer Bevölkerung, der Politik sowie den lokalen Unternehmen und ermöglichen Realexperimente, die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und ökologischen Mehrwert generieren sollen. In diesem Kontext wurde eine Veranstaltungsreihe zur nachhaltigen Baukultur in der Surselva organisiert. Denn die Region verfügt über eine lange Tradition im ressourcenschonenden Bauen, die bis heute weiterlebt und derzeit wieder hochaktuell ist.

Nachhaltige Baukultur: Kalkputz

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe boten Architekturbüros und handwerkliche Betriebe Einblicke in ihr Schaffen und erläuterten den Teilnehmenden ihre Architektur, ihr Handwerk und ihre Vision für eine nachhaltige Baukultur in der Surselva. Ein Beispiel hierfür ist der Eiskeller in Ilanz/Glion, wo der Handwerksort Baukunst Graubünden seine Räumlichkeiten hat. Dort wird nicht mehr Eis für lokale Brauereien gelagert, sondern es entsteht Sumpfkalkmörtel. Dieser hat im Alpenraum eine grosse Tradition. Während Wohnhäuser vom 16. bis ins 20. Jahrhundert im gesamten Alpenraum im Kantholzblockbau ausgeführt wurden – Ställe und Scheunen häufig in Rundholzblockbauweise –, setzte der lokale Dienstadel auf ein anderes architektonisches Statement: Amtsträger, Kaufleute, Militär und Klerus distanzierten sich bewusst vom bäuerlichen Erscheinungsbild und setzten auf Steinhäuser. In der Regel waren diese mit Kalkputz weiss verputzt, weshalb sie oftmals entsprechend benannt wurden: Casa Alva.

In Rueun steht das 1612 durch Landrichter Johann Simeon Deflorin und seine Frau Anna von Capol errichtete Obere Deflorinhaus. Als massiver Baukörper steht dieses Haus an prominenter Lage gegenüber der Pfarrkirche. Im Rahmen der 2022 begonnenen Renovation – durchgeführt vom Architekturbüro Nickisch Walder – musste dessen Kalksteinputz oftmals komplett neu aufgebaut werden. Hierzu galt es, zuerst die bestehenden Putzschichten zu entfernen und im nächsten Arbeitsschritt fehlerhafte Stellen auszubessern. Anhand der Gewölbehalle (siehe Abbildung) kann dieser Arbeitsschritt schön aufgezeigt werden. Im Gegenlicht ist das gefleckte Gewölbe zu sehen. Noch im Originalzustand erhaltene Stellen sind heller als die ausgebesserten Stellen, die eine leicht gräuliche Einfärbung zeigen. Da das ursprüngliche Gewölbe eingeknickt war, mussten nach strukturellen Sanierungsarbeiten an den freigelegten Gewölben sowohl Kanten als auch Gewölbeanschlüsse neu gezogen werden – mit viel Fachwissen ausgeführt von Baukunst Graubünden. 

Die Gewölbehalle im Gegenlicht: Nach dem Entfernen der alten Putzschichten treten die ausgebesserten Stellen als charakteristische Flecken deutlich hervor.

Soziale Nachhaltigkeit: Maissen-Areal in Ilanz/Glion

Ein weiteres Thema, das die Veranstaltungsreihe «Nachhaltige Bautradition Surselva» vertieft hat, ist das sogenannte Maissen-Areal. Im Februar 2025 erteilte das Stimmvolk der Stadt Ilanz/Glion den Auftrag, das direkt beim Bahnhof liegende Maissen-Areal zu kaufen. Gut 5,5 Millionen Franken wurden für ein Grundstück von 6 329 Quadratmetern investiert. Seither steht die Frage im Raum, wie dieses ehemalige Industrieareal in Zukunft sinnvoll zu nutzen und zu bebauen ist.

Im November 2025 lud die lokale Kulturkommission zu einer Veranstaltung ein, um diese Frage ein erstes Mal in Anwesenheit einer grösseren Öffentlichkeit zu besprechen. Die Referierenden präsentierten ihre spezifischen Erfahrungen mit Arealüberbauungen: Christian Inderbitzin von EMI Architekti*innen aus Zürich, Ursula Müller vom Amt für Hochbauten Stadt Zürich, Gian Fanzun von der Fanzun AG in Chur und Marc Loeliger von Loeliger Strub Architektur, ebenfalls aus Zürich. Auf den ersten Blick mag dieser Fokus auf die Stadt Zürich überraschen, doch er ist dadurch zu erklären, dass im urbanen Kontext ein grosser Erfahrungsschatz mit Arealüberbauungen in einem bereits gebauten Kontext besteht. In der anschliessenden Podiumsdiskussion wurde die gemeinsame Empfehlung ausgearbeitet, als nächsten Schritt nicht bereits einen Architekturwettbewerb auszuschreiben, sondern zuerst zu klären, welche Nutzungsmöglichkeiten überhaupt bestehen. Die zentrumsnahe Lage direkt beim Bahnhof eröffnet eine Vielfalt von Möglichkeiten, die nebst dem Wohnen weitere Nutzungen attraktiv macht. Zudem stellt sich die Frage, wie der von den Gebäuden aufgespannte Zwischenraum genutzt werden soll – nicht nur als Restfläche, sondern als bewusst gestalteter öffentlicher Raum.

Soziale Nachhaltigkeit: Cinema Sil Platz in Ilanz/Glion

Im Jahr 1988 schloss das Kino Darms in Ilanz nach 35 Jahren seine Türen. Somit gab es im Bezirkshauptort der Surselva kein Kino mehr. Um diesen Zustand zu ändern, wurde im Jahr 2010 die alte Schmiede zum Cinema Sil Platz umgebaut. Das neue Kino wird vom gleichnamigen Verein betrieben und ist eine Plattform für Filme, Konzerte, Kleinkunst, Literatur und öffentliche Veranstaltungen. So bot das Cinema Sil Platz auch den würdigen Rahmen für die bereits genannte Veranstaltung zum Maissen-Areal. Im Anschluss an die Podiumsdiskussion gab es ein Konzert. Diese Kombination von Informationsveranstaltung und Kultur zeigt auf, wie wertvoll ein Treffpunkt für Kulturinteressierte ist. Sie zeigt auch auf, dass die periphere Lage der Surselva Projekte ermöglicht, die es in diesem Rahmen im urbanen Kontext nicht gibt. Der architektonische Umbau erfolgte durch das Architekturbüro Capaul & Blumenthal aus Ilanz/Glion. Dieses Architekturbüro von nationaler Bedeutung ist bekannt für sehr pointiert strukturierte Projekte. Beim Cinema Sil Platz galt es, die Kosten tief zu halten – man wollte jedoch trotzdem einen prägnanten Ort schaffen. In einem partizipativen Entstehungsprozess stellte man sich die Frage, welche Aspekte man mit minimalen Eingriffen erreichen könne und in welche Aspekte mehr investiert werden dürfe. So wurde der Eingangsbereich mit Bar und Konzertraum mit möglichst einfachen Eingriffen gestaltet. Dafür leistete man sich jedoch einen Kinoraum aus Stampflehm, dessen Akustik in der Schweiz einzigartig ist.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Nachhaltige Bautradition Surselva» besuchten gegen hundert Studierende aus dem Bachelorstudium Architektur die Region. Das Aufzeigen der lokalen Bautradition ist eine Möglichkeit, den Studierenden das Arbeiten in der Surselva schmackhaft zu machen und dem Fachkräftemangel etwas entgegenzusetzen. Auch im Studium selbst ist die Baukultur in der Surselva immer wieder ein Thema. So untersucht etwa das durch die beiden Architekturbüros D’Inca Imboden und Georgiev Vonzun geleitete Gastdozentenjahr die Siedlungsstruktur in Trun. Und wer weiss, vielleicht ist die FH Graubünden in zehn Jahren auf dem Maissen-Areal als Bildungsinstitution vor Ort präsent.

Beitrag von

Prof. Dr. Daniel Näf, Dozent, Institut für Bauen im alpinen Raum