Energiepark Grischa: ein Experimentierfeld

Energiepark Grischa: ein Experimentierfeld

Energiepark Grischa: ein Experimentierfeld

Im Energiepark Grischa wird die Produktion von erneuerbaren Energien zum lebendigen Experimentierfeld. Auf dem Areal der Rheinmühle und des Kuhrerhofs in Chur zeigt ein Landwirtschaftsbetrieb, wie Photovoltaik, Holzenergie, Wasserkraft und Biogas im Alltag zusammenspielen. Hier werden Energieprozesse sichtbar und komplexe Zusammenhänge erlebbar.

Text: Steffi Giaracuni / Audio, Bilder, Video: FH Graubünden

Die Energiewende stellt eine wissenschaftliche, technische und gesellschaftliche Herausforderung dar. Sie erfordert neue Technologien, neue Formen der Zusammenarbeit und ein vertieftes Verständnis darüber, wie Energie lokal produziert, gespeichert und genutzt werden kann. Der Energiepark Grischa bietet hierfür einen Raum: Hier werden erneuerbare Energien erforscht und anschaulich vermittelt. Das vom Bundesamt für Energie geförderte Forschungs- und Modellprojekt entwickelt neue, wissenschaftlich fundierte Vermittlungs- und Interaktionsformate, die technische Demonstration, angewandte Forschung, multimediale Wissensvermittlung und digitale Innovation zu einem schweizweit einzigartigen Bildungs- und Erlebnisangebot verknüpfen. Dabei werden die Besonderheiten des Kuhrerhofs genutzt, wo Landwirtschaft und Energietechnik unmittelbar aufeinandertreffen. Die real betriebenen Anlagen dienen als Ausgangspunkt für wissenschaftliche Analysen, didaktische Übersetzungen und die Gestaltung interaktiver Lernräume. Besucherinnen und Besucher erhalten so Einblicke in Prozesse, die im Alltag meist verborgen bleiben. Gleichzeitig stärkt der Energiepark die Energiekompetenz in der Region, ermöglicht neue Kooperationen zwischen Landwirtschaft, Technik und Wissenschaft und bietet einen Ort, an dem Bevölkerung, Fachwelt und Politik gemeinsam über die Energiezukunft diskutieren können.

Komplexität verständlich machen

Ein zentrales Element des Projekts ist die didaktische Reduktion komplexer technischer Systeme. Das Institut für Multimedia Production bringt hierfür seine Expertise aus den Bereichen Medienszenografie, multimediale Medienproduktion, Data Literacy und User Experience ein. Die Forschungsfragen reichen von der technischen Funktionsweise der Anlagen bis hin zu Fragen der Energiekompetenz und nachhaltigen Verhaltensänderung. In der angewandten Forschung setzt das Projekt auf qualitative und quantitative Methoden. Dazu gehören die Besucherforschung, Usability-Tests der App und Wirkungsanalysen der Vermittlungsformate. Diese Erkenntnisse fliessen in die Weiterentwicklung der Erlebnisstationen ein und bilden zugleich die Grundlage für Publikationen, Lehrangebote und neue Projektetappen.

Energiewende zum Anfassen

Zur thematischen Vertiefung veranschaulichen die Erlebnisstationen die verschiedenen erneuerbaren Energiequellen und ihre Rolle im Energiesystem. An der Erlebnisstation Photovoltaik wird modellhaft gezeigt, wie Solarzellen funktionieren und welche Rolle Sonnenenergie im Energiemix spielen kann. Interaktive Elemente verdeutlichen, wie sich Standort und Ausrichtung auf den Ertrag auswirken. Gleichzeitig wird deutlich, wo die Grenzen von Solarstrom liegen und welche Bedeutung Speicherlösungen für die Sicherung der Stromversorgung haben.

Mit dem schwenkbaren Solarpanel der Station «Fang das Licht ein» testen Besuchende, wie stark Ausrichtung und Neigung den Ertrag einer Photovoltaikanlage beeinflussen. So finden sie spielerisch den optimalen Einfallswinkel der Sonnenstrahlen.

Auch die Holzvergasungsanlage an der Rheinmühle wird zum Vermittlungsobjekt. An der ent-sprechenden Station wird gezeigt, wie Holz als regionaler Energieträger genutzt werden kann, welche Bedeutung eine nachhaltige Waldbewirtschaftung hat und wie aus Biomasse Strom und Wärme entstehen. Eine akustische Installation verbindet Geräusche aus dem Wald, der Holzverarbeitung und der Energieproduktion zu einem multisensorischen Erlebnis.

Audiobeispiel

Ein eigens produzierter Kurzfilm   im Bereich Wasserkraft zeigt die Funktionsweise eines Kraftwerks, erläutert die Bedeutung der Wasserkraft für die Schweizer Stromversorgung und geht auf die Herausforderungen des Klimawandels ein. Nach ihrem Besuch im multimedialen Container-Kino können die Besucherinnen und Besucher ein Kleinwasserkraftwerk direkt auf dem Areal besichtigen. Dort wird erfahrbar, wie Wasser als Energiequelle genutzt wird und wie Höhenunterschied, Zuflussmengen und Turbinentechnik zusammenspielen.

Das Projekt erbringt eine zentrale Transferleistung in der digitalen Dimension. Die entwickelte Energiepark-App verbindet analoge Ausstellungselemente mit Augmented-Reality-Anwendungen, Navigationsfunktionen und Lernspielen. Sie fungiert zugleich als Wissensplattform, Vermittlungstool und Experimentierfeld für Gamification. Die App erweitert das physische Erlebnis vor Ort bis zur Alltagsgestaltung der Besuchenden und lädt zugleich Interessierte von ausserhalb ein, bereits vor dem Besuch in die Themenwelt des Energieparks einzutauchen.

Während die ersten Stationen bereits in Betrieb sind, befinden sich weitere Module zu den Themen Windenergie, Biogas und hydrothermale Carbonisierung (HTC) in der Entwicklung. Diese ergänzen die erste Projekte­tappe, die im Sommer vollständig abgeschlossen sein wird. Weitere Etappen sind bereits in der Planung und bilden die Grundlage für die langfristige Weiterentwicklung des Energieparks.

An der Station «Watt steckt da drin?» vergleichen Besuchende den Energiegehalt verschiedener Brennstoffe. Wird Holz, Kohle oder Heizöl auf den Holzstamm gelegt, zeigt der Bildschirm sofort deren CO₂-Ausstoss, Lagerfähigkeit und Energiewert an.

Wissen, das weiterwirkt

Nebst den Ausstellungselementen ist die Vermittlungsarbeit ein essenzieller Bestandteil des Projekts. Es entsteht ein vielfältiges Angebot an Führungen. Dieses richtet sich an Familien, Schulklassen, Fachpersonen aus der Energiebranche, Planung und Verwaltung sowie touristische Besucherinnen und Besucher. Die Rundgänge ermöglichen es, die Anlagen bei laufendem Betrieb zu besichtigen, Zusammenhänge einzuordnen und die Energiethemen anwendungsorientiert zu vertiefen. Zudem werden Workshops und Lernmodule entwickelt, die künftig verstärkt in den Unterricht, die Weiterbildung und die berufliche Praxis integriert werden sollen.

Dank seiner modularen Struktur auf allen Ebenen ist der Energiepark jederzeit skalierbar und aktualisierbar. Er dient ebenso als Testfeld für zukünftige Energie- und Bildungsprojekte. Die gewonnenen Erkenntnisse können in neue Forschungsvorhaben einfliessen. So entsteht ein wachsendes Wissensnetzwerk, das die Energiewende nicht nur begleitet, sondern aktiv mitgestaltet. 

Der Energiepark Grischa zeigt, wie angewandte Forschung und regionale Entwicklung ineinandergreifen können. Er verbindet reale technische Systeme mit wissenschaftlicher Analyse und macht zentrale Fragen der Energiewende öffentlich zugänglich. Dabei entsteht ein Ort, an dem Forschung nicht im Labor bleibt, sondern als gesellschaftliche Aufgabe offen, lokal verankert und zukunftsgerichtet erfahrbar wird.

Beitrag von

Steffi Giaracuni, Dozentin, Institut für Multimedia Production