Erfahrungsraum statt «reiner» Wissensstoff

Erfahrungsraum statt «reiner» Wissensstoff

Erfahrungsraum statt «reiner» Wissensstoff

Wie kann man Nachhaltigkeit so vermitteln, dass Studierende nicht nur theoretisch verstehen, worum es geht, sondern sich auch persönlich angesprochen fühlen? Diese Frage stand im Zentrum eines Lehrexperiments im Bachelorstudium Betriebsökonomie. Im Frühling 2025 wurde das Modul «Grundlagen Nachhaltigkeit» erstmals als kompakte Blockwoche statt in wöchentlichen Lektionen über das Semester verteilt durchgeführt – mit positiven Erfahrungen. 

Text: Ivan Nikitin / Bild und Video: FH Graubünden

Was früher über ein Semester verteilt stattfand, wurde im letzten Jahr neu strukturiert: das Modul «Grundlagen Nachhaltigkeit» wird nun als Blockwoche durchgeführt – ein kompaktes Format, das Raum schafft für vertiefte Diskussionen und zusammenhängendes Lernen. Nachhaltigkeitsthemen sind komplex und interdisziplinär; deshalb entfalten sie ihr Potenzial erst, wenn man die Zeit hat, Bezüge herzustellen und eigene Fragen zu entwickeln. Neu werden die Inhalte also gebündelt, und die Studierenden arbeiten fünf Tage intensiv an Theorie, Reflexion und Praxisbezug. Die Vor- und Nachbereitung sowie die Prüfung werden digital organisiert. Die Idee: Nachhaltigkeit nicht als Wissensstoff, sondern als Erfahrungsraum zu gestalten – als etwas, das sich aus Denken, Fühlen und Handeln zusammensetzt.

Neues didaktisches Lehrformat mit kreativem Schwerpunkt

Die neu gestaltete Blockwoche ist ein Konzept, das bewährte Lehrformen mit einem neuen, kreativen Element kombiniert: der Produktion eines eigenen Videos. Jedes Studierendenteam arbeitete an einen rund zehnminütigen Film, der ein Nachhaltigkeitsproblem, dessen Ursachen und mögliche Lösungsansätze beleuchtete. Der Ablauf war bewusst kompakt gestaltet: Am Dienstag erfolgte die Themenwahl, am Mittwoch das Konzept-Feedback, am Donnerstag die Videoproduktion und am Freitag die Präsentation der Ergebnisse. Parallel dazu erhielten die Gruppen individuelles Coaching, technische Unterstützung sowie inhaltliche Begleitung, um die Qualität der Arbeitsergebnisse und den Lernfortschritt optimal zu fördern. Die Themenwahl der Studierenden reichte von «Foodwaste» und «Skipistenbeschneiung» über «Mikro- und Nanoplastik», «Extremwetterereignisse» und «Wildbienensterben» bis hin zu «Lichtverschmutzung», «Greenwashing», «Fleischkonsum» und der «Bedeutung von Nachhaltigkeitslabels». Diese Bandbreite verdeutlicht, wie differenziert Studierende Nachhaltigkeitsfragen erfassen und sie mit betriebswirtschaftlichen, ökologischen und ethischen Überlegungen verbinden.

Campus-Umfrage zum Anhören

Campus-Umfrage zum Anhören

Nachhaltigkeit – ein grosses Wort mit vielen Facetten. Studierende erzählen, wie sie Nachhaltigkeit im Alltag erleben, welchen persönlichen Beitrag sie zu einem nachhaltigeren Lebensstil leisten und welche Bedeutung das Thema für sie hat. Ehrliche Einblicke, verschiedene Perspektiven und alltagsnahe Beispiele:

Engagement und Kreativität der Studierenden

Die Resonanz auf das neue Lehrformat war durchweg positiv. Viele Studierende zeigten eine deutlich höhere Motivation als im regulären Unterricht. Die Arbeit an den Videos forderte sie heraus, ihr Wissen zu strukturieren, kritisch zu hinterfragen und kreativ umzusetzen. Dabei entstanden Beiträge, die sowohl fachlich fundiert als auch überraschend reflektiert waren.

Studentisches Videoprojekt

Studentisches Videoprojekt

Studentisches Videoprojekt von Lenia Collenberg, Sophia Böss und Mithula Ketheeswaran

Besonders eindrücklich war, wie stark sich die Studierenden mit den Themen identifizierten. Durch den offenen Projektcharakter konnten sie Fragen aufgreifen, die sie persönlich bewegten, und Nachhaltigkeit somit aus ihrer eigenen Lebenswelt heraus verstehen und deuten. Der Feedbackprozess – von der Konzeptvorstellung über die Erarbeitung bis zur Zwischenversion – förderte iterative Lernschleifen und einen bewussten Umgang mit Rückmeldungen. Die Teams konnten ihre Projekte von Beginn an gezielt planen und ihre Videos anhand des Feedbacks kontinuierlich verbessern. Dadurch entstanden schlussendlich qualitativ hochstehende und inhaltlich überzeugende Ergebnisse. 

Neue Lehrrolle und intensive Lernatmosphäre

Das Rollenverständnis der Lehrperson veränderte sich deutlich: Statt primär Wissen zu vermitteln, standen nun die Begleitung von Lernprozessen, die Vermittlung von Orientierung, die Formulierung von Fragen und die Anregung von Reflexion im Vordergrund. Diese coachende Rolle erforderte eine hohe persönliche Präsenz, eröffnete jedoch zugleich neue Formen des Dialogs und des gegenseitigen Lernens.

Die Blockwoche war intensiv, zugleich aber ausgesprochen lebendig. Fast von selbst entstand sowohl innerhalb der Gruppen als auch im Plenum eine konzentrierte und gemeinschaftliche Arbeitsatmosphäre. Diskussionen entwickelten sich spontan weiter, Ideen wurden geteilt und vertieft. Das Lernen erhielt dadurch eine Dynamik, die im regulären Semesterbetrieb nur selten entsteht. Entscheidend waren dabei eine klare Struktur und ein transparenter Ablaufplan, der genügend Freiraum für Kreativität liess. 

Vor allem die notwendige technische Unterstützung bei der Videoproduktion war eine Herausforderung. Besonders wertvoll war dabei die fachliche Unterstützung durch den Dozierenden Serge Djoungong aus dem Studiengang «Multimedia Production», der die Studierenden gezielt bei Fragen zur Videoerstellung begleitete. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit erwies sich als äusserst erfolgreich und bereichernd. Sie brachte neue Perspektiven in den Kurs ein und wurde von den Studierenden sehr geschätzt.

Wirkung und Weiterentwicklung des Blockwochenformats

Die Erfahrungen mit der Blockwoche zeigen, dass verdichtete, projektorientierte Formate eine starke Wirkung entfalten können – insbesondere bei komplexen Querschnittsthemen wie Nachhaltigkeit. Das neue Format fördert nicht nur das Wissen, sondern auch das Engagement, die Selbstwirksamkeit und die Teamfähigkeit. Für kommende Durchführungen sind mehrere Weiterentwicklungen geplant, wie zum Beispiel eine stärkere Einbindung externer Praxispartner, um den Realitätsbezug zu vertiefen, sowie eine Erweiterung des Peer-Feedback-Prozesses. Zudem ist die Publikation ausgewählter Videos als Open Educational Resources auf der Lernplattform Moodle oder der Website der FH Graubünden angedacht.

Das Format knüpft an die Bestrebungen des Zentrums für Betriebswirtschaftslehre an, praxisnahe, wirkungsorientierte und innovative Lernformen für Studierende bereitzustellen. Es hat gezeigt, dass Nachhaltigkeit am besten im Denken, im Diskutieren und im kreativen Tun gelernt wird – und wenn sie als gemeinsame, gestaltbare Aufgabe erlebt wird.

Beitrag von

Prof. Dr. Ivan Nikitin, Dozent, Zentrum für Betriebswirtschaftslehre