Fremdsprachen: ein zeitloser Lernprozess

Fremdsprachen: ein zeitloser Lernprozess

Fremdsprachen: ein zeitloser Lernprozess

Nachhaltige Sprachausbildung – ist das möglich? Und wie! Mit Begeisterung für das Studienfach und die damit verbundenen Projektarbeiten und mit klarer Anwendungsorientierung verbinden Dozierende der FH Graubünden Sprache und Fachausbildung. So werden Studierende befähigt, lebenslang zu lernen, ihre Sprachkompetenzen gezielt einzusetzen und im Berufsalltag selbstbewusst zu agieren. Dieser Beitrag zeigt auf, dass Sprache nicht nur gelehrtund gelernt, sondern gelebt wird.

Text: Flavia Hobi / Bilder: FH Graubünden, zVg

Sprachen zu lernen bedeutet weit mehr als Vokabeln zu beherrschen – es ist ein Prozess, der Denken, Handeln und gesellschaftliches Zusammenleben nachhaltig prägt. Entscheidend ist dabei, dass Sprachkenntnisse nicht nur für Prüfungen erworben, sondern langfristig erhalten und im Alltag genutzt werden. So kann das Erlernen von Fremdsprachen insbesondere Inklusion, Chancengleichheit und sprachliche Vielfalt fördern.

Damit Sprache wirklich lebendig bleibt, reicht reines Auswendiglernen nicht aus. Während bei kurzfristigem Auswendiglernen Wissen schnell wieder verloren geht, zielt ein vertieftes Sprachenlernen darauf ab, Kompetenzen dauerhaft aufzubauen und flexibel einsetzen zu können. Methoden wie verteiltes Wiederholen (Repetition von Lerninhalten über zunehmend längere Zeitintervalle verteilt), metakognitive Strategien (Techniken, die das eigene Denken und Lernen bewusst steuern, planen, überwachen und bewerten) und projektorientiertes Lernen fördern diesen nachhaltigen Spracherwerb und ermöglichen es, Sprache in verschiedenen Situationen sicher anzuwenden. Ein solcher Lernansatz unterstützt zudem das Prinzip des lebenslangen Lernens: Sprachkenntnisse können kontinuierlich erweitert werden, was die Anpassungsfähigkeit sowohl im beruflichen als auch im privaten Leben stärkt. Ein schöner Nebeneffekt: Studien zeigen, dass Mehrsprachigkeit die kognitive Leistungsfähigkeit steigert und die Entwicklung demenzieller Symptome verzögern kann.

Sprachenlernen, das verbindet – kontextorientiert und praxisnah

Doch wie wird an der FH Graubünden die Sprachausbildung gelebt? Im Folgenden werden konkrete Beispiele aufgezeigt. Die Auswahl ist nicht abschliessend und könnte mit zahlreichen Beispielen aus anderen Modulen ergänzt werden.

Das Modul «Spanisch im Arbeitsumfeld» verfolgt das Ziel, Sprachkenntnisse gezielt in beruflichen Situationen zu festigen. Studierende üben beispielsweise die Teilnahme an Geschäftsbesprechungen und das Erstellen professioneller Präsentationen. Eine authentische Verbindung zwischen Sprache, Kultur und Praxis zeigt sich unter anderem darin, dass sie Schweizer Produkte wie Rivella, Ricola oder Ovomaltine einem spanischsprachigen Publikum vorstellen.

Ein ähnlicher Ansatz wird im Modul «Angewandtes Englisch für Sportmanager:innen» verfolgt. Hier stehen praxisnahe Kommunikationskompetenzen in der Welt des Sports im Vordergrund: überzeugendes Argumentieren bei Pitch-Präsentationen, Überwinden von Hemmungen im Networking und das Trainieren von Schlagfertigkeit für Podiumsdiskussionen. Damit werden jene sprachlichen und sozialen Fähigkeiten gefördert, die in der Sportbranche besonders gefragt sind. Sprache wird hier nicht nur gelernt, sondern als zentrales Arbeitsinstrument nachhaltig gepflegt.

Noch stärker tritt die Verbindung von Sprache und Fachwissen im Modul «Applied English for Photonics and Mobile Robotics» hervor. Ausgelöst durch englische Fachpräsentationen haben Studierende im Kontext dieses Moduls gar Einblick in das Kantonsspital Graubünden und Zugang zu modernster Medizintechnik erhalten. Damit entsteht ein Musterbeispiel für interdisziplinäres Lernen: Fachinhalte und Sprache werden gleichzeitig erschlossen und im Leistungsnachweis gemeinsam bewertet – sowohl der sprachliche Ausdruck als auch das fachliche Verständnis zählen.

Während Englisch und Spanisch als Weltsprachen dominieren, setzt die FH Graubünden ein Zeichen für Mehrsprachigkeit und sprachliche Vielfalt, indem sie auch Kurse in den Kantonssprachen Italienisch und Rätoromanisch anbietet. Nachhaltiges Lernen zeigt sich im Modul «Sursilvan 2» etwa beim Planen von Wanderungen in der Surselva oder bei Rollenspielen in Alltagssituationen. Besonders eindrücklich ist das Beispiel von Elina Preisig, einer ehemaligen Studentin, die während zwei Jahren Sursilvan-Module an der FH Graubünden absolvierte und inzwischen bei Radiotelevisiun Svizra Rumantscha (RTR) tätig ist – ein Beleg dafür, dass Sprachenlernen auch bei Minderheitensprachen berufliche Perspektiven eröffnet.

Perspektiven von Minderheitssprachen

Perspektiven von Minderheitssprachen

Elina Preisig, ehemalige FHGR-Studentin, über ihre Verbindung zum Rätoromanischen, die damit einhergehenden Möglichkeiten und Herausforderungen:

Zum Interview

Elina, du stammst aus Bergün und bist deutschsprachig aufgewachsen. Was hat dich motiviert, Rätoromanisch zu lernen?
Als Kind hatte ich nicht viel mit dem Rätoromanischen zu tun. Bis in den Kindergarten habe ich sogar Hochdeutsch gesprochen, da meine Mutter aus Deutschland kommt. In der Primarschule hatten wir dann Rätoromanisch als Zweitsprache. Davon ist zwar nicht viel hängen geblieben, trotzdem fand ich es immer eine schöne Sprache und hörte sie später immer wieder in der Schule oder im Dorf. Als ich dann an der FHGR als Freifach sowieso eine Sprache wählen wollte, bot es sich an, wieder ins Rätoromanisch einzusteigen, auch wenn es ein anderes Idiom war. Zudem hatte ich das Glück, eine tolle Klasse zu haben, und der Unterricht bot eine gute Abwechslung zu meinen anderen Fächern.

Mittlerweile arbeitest du bei RTR als Technikerin. Sprichst du bei der Arbeit nur Rätoromanisch oder auch Deutsch? Wo sind die täglichen Herausforderungen in Bezug auf die Sprache?
Bei der Arbeit ist grundsätzlich alles auf Rätoromanisch: Gespräche, Mails, sogar das Intranet. Ich versuche, so viel wie möglich Rätoromanisch zu sprechen und zu schreiben. Wenn es aber schnell gehen muss, wechsle ich ins Deutsche. Das verstehen zum Glück trotzdem alle.

Was gefällt dir besonders an deiner Arbeit?
Zum einen finde ich natürlich meine Aufgaben an sich interessant, zum anderen habe ich einen ganz anderen Einblick in die rätoromanische Kultur. Nicht nur am Mittagstisch, sondern auch dadurch, dass ich z.B. das «Telesguard» technisch betreue. So kann ich ein bisschen dazu beitragen, andere – und mich selbst - zu informieren.

Abgesehen von der Arbeit - mit wem sprichst du sonst noch Rätoromanisch?
In meinem Umfeld habe ich nicht viele Personen, die Rätoromanisch reden. Und selbst wenn, reden wir meistens Deutsch miteinander. Es ist aber sehr praktisch, Rätoromanisch zu verstehen. Zudem ist es für mich eine super Möglichkeit, während der Arbeit zusätzlich eine Sprache lernen zu können. 

Kannst du auch Rumantsch Grischun? 
Ich kann kein Rumantsch Grischun. Da ich nicht auf der Redaktion arbeite, muss ich zum Glück auch nichts auf Rumantsch Grischun schreiben. Aber man kann natürlich vieles aus den anderen Idiomen ableiten.  

Was rätst du Interessierten, die Rätoromanisch lernen wollen? 
Wer Rätoromanisch lernen möchte, sollte einfach damit anfangen! Wer sich dafür interessiert, kann ja einfach mal in den rätoromanischen Medienangeboten von RTR stöbern oder in eine Sendung reinhören, viel ist untertitelt und leicht verständlich. Zudem kann man viel aus dem Französischen oder Italienischen ableiten, was es etwas einfacher macht. Das Sprechen ist ein bisschen Überwindungssache, meiner Erfahrung nach sind aber alle sehr freundlich, wenn man es versucht. Auch wenn die Aussprache nicht ganz passt, versteht man sich gut. Insgesamt finde ich es eine sehr interessante und schöne Sprache, die auch viele kulturelle Verbindungen mit sich bringt. Und wer denkt Rätoromanisch ist verstaubt, der wird sich wundern. Es gibt viele junge Menschen, die Rätoromanisch sprechen und mittlerweile auch tolle digitale Hilfsmittel, um es zu lernen.

Was ist dein Lieblingswort auf Rätoromanisch und weshalb?
Es gibt viele schöne und teilweise auch witzige Wörter, wie z.B. «tschetschapuorla» (Staubsauger auf Sursilvan) oder «plichaplacha» (Schmetterling im Bergüner Dialekt Bargunseñer). Mein momentanes Lieblingswort ist weniger ein Wort, sondern mehr ein Ausdruck, den ich bei der Arbeit kennengelernt habe: «Tgei caussas!» «Caussa» heisst so viel wie Sache, übersetzen kann man es also mit «Welche Sachen!» oder «Sachen gibt's!». Meistens wird es verwendet, wenn etwas Aussergewöhnliches passiert ist oder etwas aus unerfindlichen Gründen nicht oder wieder funktioniert.

Engraziel fetg per quei discuors interessant, cara Elina!

Sprachen lehren – zukunftsorientiert und dynamisch

Diese Beispiele verdeutlichen: Nachhaltiger Sprachunterricht gelingt vor allem durch kontextualisiertes Lernen – also durch das Anwenden von Sprache in sinnstiftenden, realen Zusammenhängen. Entscheidend für eine langfristige Verankerung sind regelmässige Wiederholung, Freude am Lernprozess und authentische Materialien, die Motivation und Praxisnähe fördern. Auch projektbasiertes Arbeiten und alltagsnahe Aufgaben lassen Sprache nachhaltig im Gedächtnis haften. Ergänzend tragen reflektierte Lernstrategien, digitale Tools und interkulturelles Lernen wesentlich zu diesem Prozess bei.

Gleichzeitig muss sich Sprachausbildung kontinuierlich an gesellschaftliche, technologische und didaktische Entwicklungen anpassen. Diversität, Inklusion und lebenslanges Lernen gewinnen dabei ebenso an Bedeutung wie KI-gestützte Lernformate und interdisziplinäre Ansätze, die Sprache stärker mit anderen Fachbereichen vernetzen. So wird sich die Sprachausbildung an der FH Graubünden – in Welt- und Minderheitensprachen – auch künftig dynamisch weiterentwickeln: für ein Lernen, das bleibt, und Sprache, die wirkt.

Beitrag von

Flavia Hobi, Lehrbeauftragte, Rätoromanisch