Positive Haltung zum Tourismus in der Feriendestination Prättigau/Davos
Graubünden lebt vom Tourismus – doch es ist die Akzeptanz der Bevölkerung, die darüber entscheidet, ob touristische Entwicklungen auch tatsächlich Zukunft ha-ben. Um zu erfahren, wie gross die Zustimmung wirklich ist, hat die Region Prät-tigau/Davos eine Befragung in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse liefern nicht nur Ein-blicke in die regionale Wahrnehmung, sondern bieten ein flexibles Modell, das sich problemlos auf andere Regionen und Destinationen übertragen, erweitern und weiterentwickeln lässt.
Text: Bianca Schenk, Melanie Tamborini, Gian-Reto Trepp / Bild und Grafik: FH Graubünden
Im Kanton Graubünden, wo viele Gemeinden stark touristisch geprägt sind, stellt sich die Frage, wie der Tourismus gestaltet werden kann, damit er von der lokalen Bevölkerung mitgetragen wird. Denn die Tourismusakzeptanz entscheidet darüber, ob Entwicklungen langfristig erfolgreich sind. Sie ist ein sensibler Kompass dafür, wie gut die Interessen von Einheimischen, Zweitheimischen und Gästen in Einklang stehen.
Die Region Prättigau/Davos spiegelt die Spannungsfelder, aber auch die Chancen alpiner Tourismusentwicklung besonders deutlich wider. Während Davos Klosters mit internationaler Ausstrahlung und einer hohen touristischen Dichte auftritt, ist das Prättigau ländlicher geprägt, stärker diversifiziert und setzt auf sanften Tourismus. Für die Regionalentwicklung – eine Kernaufgabe der Region Prättigau/Davos – bedeutet dies: Die touristische Zukunft muss sowohl wirtschaftlich tragfähig und ökologisch verträglich als auch gesellschaftlich akzeptiert sein. Darum wird ein neues touristisches Leitbild erarbeitet. Ein zentrales Element dieses Prozesses ist der Einbezug der Bevölkerung. Nur so entsteht ein gemeinsam getragenes Zukunftsbild.
Befragungen als Kompass
Der Tourismus prägt viele Regionen wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell. Seine Akzeptanz durch die Bevölkerung ist zentral für eine nachhaltige Entwicklung. Da aktuelle Daten oftmals fehlen, kann eine systematische Befragung Einblicke in die Wahrnehmung, die Chancen und die aktuellen Spannungsfelder liefern und als Entscheidungsgrundlage dienen. Weitere Informationen hier.
1500 Stimmen aus der Region
Um die Bevölkerung mit einzubeziehen, hat das Institut für Tourismus und Freizeit gemeinsam mit der Region Prättigau/Davos und dem Reallabor Prättigau/Davos im Frühling 2025 eine umfassende Befragung durchgeführt. 1525 verwertbare, vollständig ausgefüllte Fragebögen bilden eine solide Grundlage für aussagekräftige Ergebnisse zur Tourismuswahrnehmung und -akzeptanz in den elf Gemeinden der Region. Ziel war nicht nur, ein Stimmungsbild zu erfassen, sondern ein tieferes Verständnis dazu zu erhalten, wie Einheimische den Tourismus im Alltag spüren, welche Chancen sie erkennen und wo sie Herausforderungen sehen.
Die Befragung vereint quantitative Daten, qualitative Einschätzungen sowie regionale Differenzierungen. Damit liefert sie der Region ein Instrument, das weit über reine Meinungsforschung hinausgeht: Es zeigt auf, wie die Bevölkerung den Tourismus nicht nur bewertet, sondern erlebt – ein entscheidender Unterschied für die soziale Nachhaltigkeit.
Tourismusakzeptanz: Weit weniger polarisiert als gedacht
Die Ergebnisse zeigen ein überraschend harmonisches Bild. Die Bevölkerung anerkennt den Tourismus als wichtigen Bestandteil der regionalen Entwicklung und steht Gästen mehrheitlich offen gegenüber.
Eine klare Polarisierung – und damit Spaltung in Befürworter und Gegner – gibt es nicht. Entscheidend ist jedoch der persönliche Bezug zum Tourismus: Wer beruflich oder privat mit touristischen Bereichen zu tun hat oder touristische Angebote regelmässig selbst nutzt – was rund 70 Prozent der Befragten mindestens einmal pro Woche tun –, beurteilt ihn deutlich positiver. Diese Erkenntnis unterstreicht einen zentralen Punkt: Begegnung schafft Verständnis. Je häufiger der Kontakt, desto differenzierter und konstruktiver wird der Diskurs.
Die wirtschaftlichen Impulse des Tourismus werden durchweg klar erkannt: Einnahmen, Arbeitsplätze und der Erhalt von Infrastrukturen zählen zu den positiven Aspekten. Auch der Beitrag zur regionalen Attraktivität und die Belebung der Orte werden wertgeschätzt. Gleichzeitig ist spürbar, dass der wirtschaftliche Nutzen häufig abstrakt wahrgenommen wird: Die Menschen wissen um die Bedeutung – spüren ihn aber persönlich nur bedingt. Die grössten Kritikpunkte sind Naturbelastungen, Abfall und Verkehr.
Zwischen den Subregionen zeigen sich zwar Unterschiede, aber sie fallen moderat aus. In den stärker touristisch geprägten Gemeinden (v. a. Davos und Oberprättigau) fällt die Gesamteinschätzung positiver aus.
Bemerkenswert ist: Die oft wahrgenommenen «lauten Stimmen», die den Tourismus grundsätzlich ablehnen, fanden in der Befragung kaum Bestätigung. Zwar äussern knapp 40 Prozent der Befragten den Wunsch nach eher weniger Tourismus in der Zukunft, doch ist gleichzeitig ein ebenso grosser Anteil noch unschlüssig, ob künftig mehr Tourismus in der Region stattfinden soll. Zudem überwiegen für rund 45 Prozent bereits heute die positiven Aspekte des Tourismus. Knapp unter 30 Prozent gewichten die negativen Aspekte stärker, während ein Viertel unschlüssig diesbezüglich ist. Die befürchtete Polarisierung entpuppt sich damit als weitgehend nicht zutreffend und zeigt, dass die Akzeptanz klar von der künftigen Ausgestaltung des Tourismus abhängt.
Die Ergebnisse zeigen deutlich: Akzeptanz entsteht nicht von allein, sondern durch Transparenz, Dialog und sichtbare Mitgestaltungsmöglichkeiten. Das touristische Leitbild kann nur dann nachhaltig wirken, wenn es auf der Lebensrealität der Bevölkerung basiert. Genau dazu liefert die Befragung zentrale Grundlagen. Sie zeigt auch: Die Bevölkerung ist offen für Gespräche, differenziert in der Haltung und bereit, konstruktiv mitzudenken. Dies schafft einen wertvollen Resonanzraum für künftige Entscheidungen – sei es bezüglich Infrastruktur, Angebotspolitik und Verkehrslösungen, sei es mit Blick auf das Naturmanagement.
Ein Modell für andere Gemeinden
Die Region Prättigau/Davos ist kein Einzelfall. Viele Gemeinden und Destinationen stehen vor der gleichen Herausforderung: Wie gelingt eine sozial nachhaltige Tourismusentwicklung, wenn Ansprüche, Bedürfnisse und Belastungen ungleich verteilt sind? Die strukturierte Bevölkerungsbefragung hat gezeigt, wie wichtig es ist, Stimmungen nicht nur zu «vermuten», sondern präzise zu erheben. Der Ansatz, welcher Desk-Research, Interviews und eine gross angelegte Online-Befragung kombiniert, bietet ein robustes Instrument, das auch andernorts – angepasst an die lokalen Gegebenheiten – eingesetzt werden kann. Deshalb bietet das Institut für Tourismus und Freizeit die Durchführung ähnlicher Befragungen auch anderen Gemeinden und Regionen als Dienstleistung an. Ob zur Tourismusstrategie, zur Akzeptanz neuer Projekte oder zur Erarbeitung eines Leitbilds: Die Einbindung der Bevölkerung ist ein strategischer Erfolgsfaktor – und ein zentraler Baustein für soziale Nachhaltigkeit.
Darüber hinaus widmet sich das Institut für Tourismus und Freizeit im Auftrag des kantonalen Amts für Wirtschaft und Tourismus einer Grundlagenstudie zu ganzheitlichen Tourismussystemen. Der Ansatz unterstreicht, dass der Tourismus nicht als separiertes System existiert, sondern als Ganzes betrachtet werden sollte, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein und im Einklang mit Ein- und Zweitheimischen zu funktionieren sowie die Umwelt und den Erlebnisraum, in welchem Tourismus stattfindet, langfristig zu erhalten.
Beitrag von
Bianca Schenk, Wissenschaftliche Projektleiterin, Institut für Tourismus und Freizeit
Melanie Tamborini, Wissenschaftliche Projektleiterin, Institut für Tourismus und Freizeit
Gian-Reto Trepp, Dozent, Institut für Tourismus und Freizeit
