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Im Klassenzimmer die Welt bereisen: Virtual Reality macht’s möglich
Im Klassenzimmer die Welt bereisen: Virtual Reality macht’s möglich

Im Klassenzimmer die Welt bereisen: Virtual Reality macht’s möglich

Fremdsprachenkenntnisse sind eine wichtige Kompetenz in der heutigen globalen Welt. Anbieter von Sprachkursen müssen sich aufgrund von zunehmend innovativeren Lernmethoden in einem stark umkämpften Marktumfeld behaupten. Die Klubschule Migros und die Fachhochschule Graubünden sahen genau darin eine Chance und realisierten ein durch Virtual Reality unterstütztes Lernformat.

Text: Nathaly Tschanz / Bild: Fachhochschule Graubünden

Ob beim Kontakt mit ausländischen Kundinnen und Kunden, Kolleginnen und Kollegen, bei Urlaubsreisen oder beim Lesen von fremdsprachigen Fachtexten – sich in solchen Situationen sicher zu fühlen, erfordert ein Minimum an Fremdsprachenkenntnissen. Das Angebot an Sprachkursen ist dementsprechend gross und die Anbieter müssen sich in einem ausgesprochen kompetitiven Umfeld behaupten.

Die Kundenbedürfnisse und -erwartungen haben sich im Verlauf der letzten Jahre denn auch verändert. So ist beispielsweise der Einsatz von innovativen Lernmethoden und Technologien für viele Kundinnen und Kunden mittlerweile ein wichtiges Auswahlkriterium. Diese Entwicklung zeigt sich in verschiedenen Studien; auch eine Kundenumfrage der Klubschule Migros kam zu diesem Schluss.

Spracherwerb auf spielerische Art

Solche Bedürfnisse aufzunehmen, erfordert nicht nur Kompetenzen im Bereich der Sprachvermittlung, sondern auch technologisches Know-how und Kreativität. Genau in dieser Herausforderung sahen die Klubschule Migros und die Fachhochschule Graubünden neue Chancen und machten es sich deshalb zur Aufgabe, ein durch Virtual Reality (VR) unterstütztes Lernformat zu entwickeln. Denn durch den Einsatz von immersiven Technologien kann Neugierde geweckt und der Spracherwerb auf spielerische Art erleichtert werden.

VR-Umgebungen ermöglichen es, Sprachszenarien in einem authentischen Setting zu üben, was Lernprozesse unterstützt. Indem Lernende in immersive Welten eintauchen, werden verschiedene Wahrnehmungskanäle gleichzeitig aktiviert; dadurch wird die Gedächtnisleistung beim Erkennen, Lernen und Reproduzieren von Wissen gesteigert (Allcoat und von Mühlenen, 2018). Weil neue Sprachstrukturen in einen realen Kontext eingebettet werden, können Lernende diese besser verorten, mit bestehendem Wissen verknüpfen und später in einer ähnlichen Situation wieder abrufen. Restriktionen in der realen Welt können mithilfe eines VR-Headsets aufgebrochen werden. Obwohl die Lernenden zwar immer noch im Klassenzimmer sitzen, gehen sie auf virtuelle Erkundungstour und erfassen die Lerninhalte so viel realistischer.

In fünf Tagen um die Welt

In intensiver und enger Zusammenarbeit zwischen der Klubschule Migros und der FH Graubünden entstand schliesslich der erste VR-Englisch-Sprachkurs: Die Teilnehmenden werden auf eine Reise rund um die Welt geschickt, wobei sich reale und virtuelle Welt verschränken. Mit Hilfe von Virtual Reality werden die Lernenden an unterschiedliche Destinationen «teleportiert».

Damit man sich im «realen» Leben auf Reisen in englischer Sprache verständigen kann – etwa bei Bestellungen im Restaurant oder wenn man sich an der Hotelrezeption über Sehenswürdigkeiten und Transportmittel informieren möchte – werden in diesem Kurs einfache Konversationen «vor Ort» geübt und Sprachhemmungen abgebaut.

Konzipiert wurde ein modularer Kurs von insgesamt fünf Unterrichtsblöcken, die jeweils einem anderen Kontinent gewidmet sind. Im Unterrichtszimmer liegt der Fokus auf interaktiven Übungen und dem Austausch in der Gruppe. Neues Vokabular wird eingeführt, Sprachstrukturen und Leseverständnis werden geübt. Man diskutiert über diverse Themen, um die mündliche Ausdrucksfähigkeit zu trainieren – wie man das aus dem klassischen Unterricht kennt. Es werden aber auch wertvolle Tipps zu fremden Kulturen und Mentalitäten vermittelt, um das interkulturelle Verständnis zu fördern.

In jedem Block können die Lernenden aber auch in unterschiedliche VR-Inhalte eintauchen. So bieten sich ihnen beispielsweise faszinierende Einblicke in die Kultur der Aborigines in Australien oder sie gehen auf Safari in Afrika. Sie werden aber auch in authentische Situationen versetzt, in denen sie auf englischsprachige Personen ‒ mit unterschiedlichen Akzenten ‒ treffen, selber aktiv werden müssen und durch ihre Reaktionen den weiteren Verlauf der Kommunikation beeinflussen. Zu diesem Zweck hat die FH Graubünden eigens interaktive VR-Anwendungen konzipiert und umgesetzt.

So befinden sich die Kursteilnehmenden plötzlich in einem Tauchshop in Australien und können sich dort im Gespräch mit der Angestellten für eine der zahlreichen Freizeitaktivitäten entscheiden. Oder sie treffen in einem Saloon in Texas auf den Rancher Alec und üben Smalltalk mit einer Reisebekanntschaft. Die Lernenden sind selber Teil der Szene und lernen so, einer Konversation mit Muttersprachlern zu folgen und entsprechend zu reagieren. Um die Szenen so authentisch wie möglich zu gestalten und einen möglichst hohen Immersionsgrad zu erreichen, kamen für die fotorealistischen Aufnahmen professionelle Schauspielerinnen und Schauspieler zum Einsatz.

Neue Erkenntnisse über die Schnittstelle «Mensch und Technik»

Mitfinanziert wurde das Projekt von Innosuisse, der Schweizerischen Agentur für Innovationsförderung. Bis Frühling 2020 werden in ersten Kursdurchführungen der Klubschule Migros Feedback und Anregungen gesammelt, die in die weitere Verbesserung des Kurses einfliessen werden.

Die begleitende Forschung basiert auf dem «Science and Technology»-Ansatz, der eine interdisziplinäre Perspektive auf die technologischen und soziologischen Aspekte der Mensch-Technologie-Interaktion wirft. Jede Phase – von der Entwicklung des Unterrichtplans und der VR-Sequenzen bis hin zu den User-Testings – wurde hinsichtlich der Verflechtung von Mensch und Technik reflektiert. Im Fokus steht, wie menschliche Handlungen durch Technik strukturiert werden. Gleichzeitig zeigt sich aber auch, wie die Technik in sozialen Frames verankert und begrenzt wird. Daraus ergeben sich einerseits Learnings bezüglich Anforderungen an virtuelle Lernsysteme, die später in weitere Anwendungen einfliessen können. Und andererseits ermöglicht dies auch den Diskurs über Risiken und Chancen solcher Lernformate.

Beitrag von

Nathaly Tschanz
Dozentin, Schweizerisches Institut für Informationswissenschaft