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Erfolgreich zwischen zwei Stühlen
Die Herausforderungen internationaler Forschungspartnerschaften

Die Herausforderungen internationaler Forschungspartnerschaften

Wie viel Ungleichheit akzeptieren die Mitglieder einer Gesellschaft in einem staatlichen Umverteilsystem? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein interdisziplinärer Forschungsverbund aus verschiedenen Fachgebieten. Voraussetzungen für den Erfolg dieses internationalen Projekts, an dem sich die FH Graubünden beteiligt, sind die Entwicklung einer interdisziplinären Sprache und die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen internationalen Vorgaben.

Text: Prof. Dr. Andreas Nicklisch / Bild: iStock

Als ich im September 2016 meine Stelle als Dozent an der FH Graubünden antrat, hatte ich einige Dinge im Gepäck: so manche Fragen, Neugier auf die neuen Kolleginnen und Kollegen, aber auch ein Forschungsprojekt, das ich bereits während meiner Tätigkeit an der Universität Hamburg zusammen mit anderen Forschenden bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (das deutsche Pendant des Schweizerischen Nationalfonds) für den Zeitraum von drei Jahren eingeworben hatte.

Das Projekt ist Teil eines interdisziplinären Forschungsverbunds, in dessen Rahmen Psychologen, Politologinnen, Philosophen und Ökonominnen gemeinsam diskutieren. Gegenstand des Projekts ist die abstrakte Frage, wie viel Ungleichheit die Mitglieder einer Gesellschaft in einem staatlichen Umverteilungssystem akzeptieren. Anders ausgedrückt: Wie viel Unfairness ertragen die Leute, wenn man die Bedürfnisse einzelner Gesellschaftsmitglieder stärker gewichtet?

Entwicklung einer gemeinsamen Sprache

Bald schon stellte sich heraus, dass es für eine funktionierende Zusammenarbeit über Disziplingrenzen hinweg nicht reicht, die Sprache der jeweils anderen Fachdisziplinen zu lernen. Vielmehr war und ist es unumgänglich, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Sprachen wir beispielsweise über die Kosten einer «unfairen Umverteilung», so assoziierten anfänglich die Psychologinnen und Psychologen des Forschungsverbunds mit diesem Begriff das Unwohlsein der/des Einzelnen bezüglich der ungleichen Behandlung der Gesellschaftsmitglieder, während die Ökonominnen und Ökonomen dabei sofort an die fehlenden Arbeitsanreize innerhalb der Gesellschaft dachten. Ihre wahre Kraft entwickelt die Interdisziplinarität jedoch erst, wenn man beide Sichtweisen in die Analyse integriert.

Letzten Sommer konnten wir schliesslich auf drei erfolgreiche Jahre zurückblicken. Durch die gut funktionierende Interdisziplinarität haben sich unsere Gruppe und somit auch die Arbeiten meines Projekts ein Alleinstellungsmerkmal erworben und geniessen jetzt sowohl national als auch international hohes Ansehen. Wichtig scheint mir diesbezüglich, dass Arbeitspapiere immer den Forschungsmehrwert betonen, der sich aus dem interdisziplinären Analyseansatz ergibt, sich gleichzeitig jedoch auch ausführlich damit befassen, diesen in den fachspezifischen Erkenntnisstand einzuordnen. Anders ausgedrückt: Ein erfolgreiches Arbeitspapier beschreibt die Ergebnisse in der neu entwickelten, interdisziplinären Sprache, bietet aber gleichzeitig auch eine Übersetzung in den fachspezifischen Sprachgebrauch.

Unterschiedliche formale Vorgaben

Vor dem Abschluss des Projekts stand ein möglicher Verlängerungsantrag für weitere drei Jahre im Raum – und mit ihm eine Vielzahl neuer Vorschriften und Formulare. Da ich jetzt in der Schweiz tätig bin, war diese Verlängerung im Rahmen des gemeinsamen DACH-Programms des österreichischen Fonds für wissenschaftliche Forschung, der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) möglich. Auf den ersten Blick vereinfacht dies die Kooperation. So übernimmt eine der drei Institutionen (in unserem Fall die Deutsche Forschungsgemeinschaft) die inhaltliche Gesamtbegutachtung aller Projekte, während die nationalen Forschungsagenturen die einzelnen Anträge aus ihren Ländern «nur» gemäss formaler Kriterien prüfen. Da die Agenturen deutlich unterschiedliche formale Vorgaben an einen solchen Antrag stellen, bedeutete dies für uns, den Antrag zweimal zu schreiben: einmal gemäss den Vorgaben der Deutschen Forschungsgemeinschaft, einmal gemäss SNF-Vorgaben. Somit führt internationale Kooperation doch zu deutlich mehr Arbeit – trotz der erkennbaren Kooperationsbereitschaft aller beteiligten Institutionen.

Doch damit ist es nicht getan: Der SNF verlangt von erfolgreichen Antragstellenden eine deutliche nationale und internationale Sichtbarkeit. Daher war und ist es für uns wichtig, an möglichst vielen internationalen Konferenzen teilzunehmen, möglichst viele Arbeitspapiere und Fachartikel zu veröffentlichen und an Konferenzen, in Fachzeitschriften und Forschungsreviews als Gutachter eingesetzt zu werden. Da stellt sich dann und wann schon die Frage, ob sich der ganze Aufwand wirklich lohnt.

Kooperation mit der Universität St. Gallen

Eine letzte Klippe ergibt sich seitens meiner Arbeitgeberin. Die FH Graubünden ist keine Universität, sondern eine Fachhochschule. Somit gehöre ich nicht zur üblichen «Kundschaft» des SNF. Es ist also nicht verwunderlich, dass Antrags- und Förderstrukturen nicht so recht zu den Anforderungen der Fachhochschule in Graubünden passen. Und für die FH Graubünden ist die Denkweise des SNF «Neuland». Dem SNF ist beispielsweise die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses besonders wichtig. Daher sollte man bei jedem Projekt, das eine Förderung durch den SNF anstrebt, auch die Finanzierung von mindestens einer Promotionsstelle beantragen. Da die FH Graubünden kein eigenes Promotionsrecht besitzt, ist eine Kooperation mit einer Universität notwendig – in meinem Fall mit der Universität St. Gallen. Das war noch einfach zu organisieren. Nur: Wie rechnet man den Betreuungsaufwand für eine Promotion ab? Und wie hoch soll man ihn ansetzen?

Ein Grundlagenforschungsprojekt an der FH Graubünden setzt alle Beteiligten «zwischen die Stühle». Wichtig ist mir zu betonen, dass dies nicht am «fehlenden Willen» der beteiligten Institutionen liegt, sondern dass die Strukturen, in die sich das Projekt auf beiden Seiten einordnen muss, nicht füreinander konzipiert wurden. Viel Entgegenkommen war deshalb von Seiten aller involvierten Institutionen notwendig, damit der Projektantrag letztendlich erfolgreich war. Und es war sehr schön, genau diese Kooperationsbereitschaft aller Beteiligten zu erfahren. Dies ist auch einer der Gründe, weswegen sich der ganze Aufwand – in der Nachbetrachtung – gelohnt hat.

Gerechtigkeit, Anreize und heterogene Bedarfe

Die Umverteilung von Einkommen ist eine Hauptaufgabe moderner Staaten. Dabei werden staatliche Zuweisungen vor allem nach dem Grad der Bedürftigkeit vorgenommen: So erhalten beispielsweise kinderreiche Familien mehr staatliche Unterstützung als weniger kinderreiche. Das internationale Forschungsprojekt, an dem sich die FH Graubünden beteiligt, ist den impliziten volkswirtschaftlichen Kosten auf der Spur, die auf fehlende Anreize zurückzuführen sind bzw. durch eine bedarfsgerechte Umverteilung entstehen. Das Forschungsteam um Prof. Dr. Andreas Nicklisch untersucht im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) mit CHF 310’000 unterstützten Projekts, in welchem Umfang die Leistungsträger einer Gesellschaft die Besteuerung ihrer Arbeitseinkommen zur Finanzierung dieser Mehrbedarfe akzeptieren. Antworten darauf sollen im Jahr 2021 vorliegen.

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