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Freiwilligenarbeit und Beruf unter einen Hut bringen

Vereinbarkeit von Beruf und Freiwilligenarbeit fordert die Arbeitnehmenden heraus

05. Dezember 2021

Die Freiwilligenarbeit ist in der Schweiz fest verankert. Neuere Untersuchungen lassen aber vermuten, dass die Rolle der Unternehmen bei der Förderung der Freiwilligenarbeit bislang unterschätzt wurde. Die Fachhochschule Graubünden hat im Forschungsprojekt «VoloWork» deshalb erstmals die beruflichen Rahmenbedingungen für Mitarbeitende mit freiwilligem Engagement untersucht. Die Studie zum «Tag der Freiwilligen» zeigt auf, dass bei den Arbeitnehmenden in der Schweiz ein erhebliches Potenzial für mehr Freiwilligenarbeit bestehen würde. Die Unternehmen unterstützen ihre Mitarbeitenden dabei zwar, es scheitert aber oft an der zeitlichen Belastung.

Die Freiwilligenarbeit ist für das Zusammenleben und Gemeinwesen in der Schweiz systemrelevant und prägend. Ob in gemeinnützigen Organisationen, öffentlichen Ämtern, Kultur- und Sportvereinen oder bei der Nachbarschaftshilfe und Altenbetreuung – ohne sie würde das Fundament der Schweizer Gesellschaft arg ins Bröckeln geraten. In erster Linie wird die Freiwilligenarbeit als etwas Privates betrachtet, das losgelöst von der beruflichen Tätigkeit stattzufinden hat. Die Daten in der vorliegenden Studie zeigen jedoch, dass für viele die Vereinbarkeit von Freiwilligenarbeit mit der beruflichen Tätigkeit eine Herausforderung darstellt.  
«Die Forschung und Praxis hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren vornehmlich auf das Corporate Volunteering konzentriert – also freiwillige Einsätze in Namen der Unternehmung», sagt Curdin Derungs, Projektleiter am Zentrum für Verwaltungsmanagement der FH Graubünden. «Es wird aber immer mehr ersichtlich, dass auch die individuelle Förderung der Arbeitnehmenden eine zentrale Rolle spielt, wenn sich Arbeitnehmende wieder vermehrt freiwillig in der Gesellschaft engagieren sollen.» 

Berufliche Tätigkeit als Hindernis

Die Studie der Fachhochschule Graubünden stützt sich auf Daten aus dem Freiwilligenmonitor 2020 mit über 5’000 befragten Personen und einer repräsentativen Unternehmensbefragung von über 500 Unternehmen des Projektes «PoliWork», bei dem es um die Vereinbarkeit von Beruf und Milizpolitik geht. Gemäss den befragten Arbeitnehmenden geben ihre Arbeitgebenden selten den entscheidenden An-stoss, freiwillige Tätigkeiten zu übernehmen. Gleichzeitig sind berufliche Gründe die häufigste Ursache für einen Rückzug aus der Freiwilligenarbeit. Zudem wird die zeitliche Belastung von den Arbeitnehmenden am meisten als Grund genannt, wieso sie von einem freiwilligen Engagement absehen. 

Trotz diesen Herausforderungen bleibt in der Schweiz die Zahl der Freiwilligen seit einigen Jahren erstaunlich stabil. Von den Erwerbstätigen sind rund 18% in der formellen Freiwilligenarbeit tätig. Das Rekrutierungspotenzial bei den Erwerbstätigen mit Arbeitszeitflexibilität wird damit zu gut 40% ausgeschöpft. Umgerechnet beläuft sich das unrealisierte Rekrutierungspotenzial auf 1.29 Mio. Erwerbstätige. Entsprechend ist unter den Arbeitnehmenden der Schweiz ein erhebliches Potenzial für mehr Freiwilligenarbeit festzustellen. 

Unterstützung ja, Wertschätzung mangelhaft

Ein Grossteil der Unternehmen unterstützt die Freiwilligenarbeit ihrer Mitarbeitenden. Rund 62 Prozent der Unternehmen haben konkrete Massnahmen für die Förderung der formellen (z.B. Vorstandsmitglied im Fussballclub) und 33 Prozent für die informelle Freiwilligenarbeit (z.B. Nachbarschaftshilfe) umgesetzt. 54 Prozent unterstützen zudem Personen mit familiären Betreuungsaufgaben. Am meisten ermöglichen die Unternehmen in der Schweiz flexible Arbeitszeiten. Gleichzeitig sind Massnahmen, die mit konkreten Kosten verbunden wären (z.B. bezahlte Absenzen, Netzwerk-Events und angepasste Leistungsziele für Freiwillige), wenig verbreitet. Insgesamt bleiben die Massnahmen allgemein, wenig auf das freiwillige Engagement ausgerichtet und aus Sicht der Arbeitnehmenden teilweise lückenhaft.
 
Sinnstiftende Arbeit, vielfältige berufliche und gesellschaftliche Engagements sind im Trend. Dies setzt voraus, dass Unternehmen die Freiwilligenarbeit wertschätzen. Hier besteht gemäss der Studie der FH Graubünden Verbesserungspotenzial. Denn weniger als 50 Prozent der Unternehmen ermuntern ihre Mitarbeitenden zur Freiwilligenarbeit, während über 20 Prozent der Freiwilligen der Ansicht ist, dass bezüglich der Wertschätzung ihres Engagements innerhalb der Unternehmens Verbesserungen möglich wären. Gerade die Wertschätzung und Anerkennung der Freiwilligenarbeit wären kostengünstig, zugleich sehr motivierend und daher wirkungsvoll.
 
Mit der Studie «VoloWork» wollen die Forschenden mögliche Ansätze zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Freiwilligenarbeit aufzeigen sowie Entwicklungspotenziale identifizieren. 

Weitere Details:  

Weitere Auskünfte: 

Curdin Derungs 
Prof. Dr. oec., Projektleiter und Dozent, Zentrum für Verwaltungsmanagement
+41 81 286 24 90
curdin.derungs@fhgr.ch

Andreas Müller 
Mitautor 
+41 79 239 46 87
andreas.mueller@politconsulting.ch

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